Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.01.2002; 12:40:12
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 08
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BIG NOTHING << zurückweiter >>
Stefan Demary

geboren 1958 in Troisdorf, lebt und arbeitet in Düsseldorf

Stefan Demarys Veränderungen an Alltagsgegenständen zielen darauf, standardisierte Wahrnehmungsabläu-fe zu unterbrechen. Über eine – in der handwerklichen Ausführung geradezu liebevoll – umgearbeitete Spielzeuggiraffe sagt er: »Das typischste Merkmal einer Giraffe ist der lange Hals. Also habe ich den abgeschnitten.« Die Kürzung des Halses hat Demary nicht als wilde Geste, als symbolträchtige Verletzung vorgenommen, sondern die Schnittstelle säuberlich zugenäht. Erst die neue amputierte Ganzheit vermag gewohnheitsmäßige Assoziations-ketten verläßlich zu unterbrechen. Nicht einer Giraffe, sondern einem denkfaulen Klischee, verdichtet im vorgeblich harmlosen Spielzeug, gilt Demarys Eingriff. Immer geht es ihm um das, was alles nicht ist, was als Weg oder Möglichkeit von unseren Alltagsvereinfachungen systematisch ausgeschlossen wird, weil es die Funktionalität einer Alltagsbewältigung stört. Also stört Stefan Demary – im Interesse einer genaueren Wahrnehmung – konsequent zurück.
Nachdem Stefan Demary 1990 eine perfekte Replik einer antiken Jünglingsstatue hatte anfertigen lassen, goß er sie bis auf Kopf und Fuß vollständig in einen Gips-block ein. Paradoxerweise verlebendigt die Blickbehinderung die im Gipsmaterial versteckte Figur für die ergänzende Vorstellungskraft. Die entfernte Antike, das bildungsbürgerliche Zentralklischee von touristischer Verfügbarkeit und Anschaulich-keit, öffnet sich erst durch die optische Verweigerung wieder für die Betrachtung. Sehen und Betrachten treten auseinander. Nur der verletzte Blick ist ein reflektierender, intelligent gewordener Blick.
Fast mutwillig unintelligent wirken dagegen Demarys Übermalungen der schwarzen Linien eines Malbuches, wie es Kindern zum farbigen Ausfüllen der Binnenflä-chen gegeben wird. Daß die weiße Tippex-Masse nicht die Felder ausfüllt, sondern das Linienraster auslöscht, kann als praktizierter Sekretärinnenwitz oder als Sabotage einer erzieherischen Zumutung verstanden werden. Die scheinblöde Beharrlich-keit, mit der Demary die Aufforderung zum Ausmalen befolgt, gibt beidem nicht recht: weder der Kinderwelt der Malbücher (durch die Erwachsene Kindern Beharrlichkeit und manuelles Geschick beizubringen glauben), noch der Tippex-Welt »Büro« (in dem mitunter real beharrliche Blödheit herrscht). Nebenbei verlängert Demarys offensiv infantiler Kunstverzicht die avantgardistische Tradition weißer Bilder. Daß damit wiederum den Heroen der Avantgarde recht gegeben würde, darf bezweifelt werden.