Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.01.2002; 12:39:33
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 07
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BIG NOTHING << zurückweiter >>
Thomas Demand

geboren 1964 in München, lebt und arbeitet in Berlin

Die Fotografie zeigt einen von einem Geländer umgebenen Treppenschacht, wie er in einer Behörde oder Schule oder einem anderen im Stil der 50er Jahre errichteten Funktionsbau auf das oberste, selten benutzte Stockwerk münden könnte. Die atmosphärische Kühle wird verstärkt durch die menschenleere Bodenfläche um den Trep-penschacht herum. Die gegenständliche und fotografische Präzision zieht unseren Blick sofort in das Bild, ohne daß sich dieser in eine entschlüsselbare Szene auflösen ließe. Haben wir es mitten in der Banalität des Alltags mit etwas Abgründigem, mit einem Eingang in eine Unterwelt zu tun? Auf den zweiten Blick allerdings wirkt am abgründigsten, daß der schwarze Schatten unter der Treppe nicht aus dunkler Hohl-heit besteht, sondern schwarzfarbene Oberfläche ist.
Thomas Demand fotografiert Skulpturen aus Pappe und Papier. Meist wählt er in seinem Berliner Atelier zuerst für seine Kamera einen festen Punkt, um für die Per-spektive der Kamera Zimmer- oder Architektur-anblicke im Maßstab 1:1 aufzubauen. Fotografie nimmt hier nicht dokumentarisch Tatsäch-liches auf, sondern – umgekehrt – die Kamera entwirft wie ein Projektor den Anschein von tatsächlicher Architektur vor ihrem künstlichen Auge. Indem zwei Kunstformen – Skulptur und Foto-grafie – zu perfekter Abbildhaftigkeit getrieben werden, stören sie sich gegenseitig auf geradezu allergische Weise. Das gestochen scharfe Foto desillusioniert die Kulissen-haftigkeit der Eisengitter und Bodenbeläge aus Papier. Die vollkommene mimetische Anschmiegung der Skulptur an alltäglich Sichtbares wiederum unterläuft den konventionellen Daseinszweck von Fotografie, sichtbare Realität verläßlich zu dokumentieren. Im Zusammenspiel von perfekt dokumentierender Skulptur und phantasierend entwerfender Fotografie erweist sich die Stofflichkeit der Bildgegenstände nicht etwa als letzter Anhaltspunkt für Tatsächlich-keit, sondern als ihr größter Saboteur. Die haarfeine Verfehlung der Rücküberset-zung der Übersetzung (vom Foto in die Papierskulptur; vom Alltagsanblick in die Fotografie) führt unseren Blick an einen Nicht-Ort, eine Utopie ohne Idealität. Zirkulär und labyrinthisch bezieht sich die eine Übersetzung auf die andere Übersetzung, womit Demand sehr bewußt die schleichende atmosphärische Entleerung, die suggestive Vertotung inszenatorisch zustande bringt. Das Moment des Filmischen, Tatorthaften, Kriminalistischen macht Demands fotografierte Papierskulpturen jedoch nicht zu Kulissen. Vielmehr sind sie Attrappen, in denen sich unser Blick verfängt wie ein Tier in der Falle.