Author:   maryam  
Posted: 23.01.2002; 13:23:38
Topic: D Latour
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Kuratorische Konzepte : Bruno Latour

Was bedeutet Iconoclash?

  Von »Ikonoklasmus« spricht man, wenn ein Bild oder eine Darstellung zerstört wird. Es mag viele Gründe für eine solche Tat geben. Etwa, um sich einer Sache zu entledigen, die eigene Wertvorstellungen angreift, um Platz zu schaffen für ein anderes, größeres und besseres Bilder, oder vielleicht um sich jedweder Form von Repräsentation zu entledigen. Für viele Menschen ist »Ikonoklasmus« ein Fluch, eine Handlung, die normalerweise »Vandalen«, »Häretikern«, »Verrückten« oder »Barbaren« zugeschrieben wird. Aber für andere ist, »Ikonoklast« zu sein, eine Tugend, der Beweis für seine oder ihre Fähigkeit, sich Autoritäten nicht zu beugen, kritischen Scharfsinn zu zeigen und radikal mit der Vergangenheit brechen zu können.

Was wir »Icono-clash« [nicht Ikono-klasmus] nennen, ist das Vorhandensein einer tiefgreifenden und verstörenden Unischerheit hinsichtlich der Rolle, der Macht, des Status, der Gefahr, der Gewalt eines Bildes oder einer Form der Repräsentation - wenn man nicht weiß, ob ein Bild zerstört oder wiederhergestellt werden sollte; wenn man nicht länger weiß, ob Zerstörer von Bildern mutige Neuerer sind oder Vandalen, ob Verehrer von Bildern frömmelnde Eiferer oder zu respektierende Gläubige sind, oder ob die Hersteller von Bildern hinterhältige Fälsche sind oder geschickt Tatsachen schaffen und Wahrheitssuchende sind.

Wir bieten mit der Ausstellung eine gewaltige visuelle Erfahrung an, »Iconoclashes«, die den Besucher dahin bringen sollen, an dem, was von Bildern, ihren Konstrukteuren, Verehrern und Zerstörern erwartet werden kann, zu zweifeln.
  Es soll nicht nur der Glaube an Bilder in der Schwebe gehalten bzw. außer Kraft gesetzt werden sondern auch der Unglaube gegenüber Bildern. Vielleicht sind diese zerbrechlichen Repräsentationen alles, was uns zur Verfügung steht, um Objektivität, Wahrheit, Schönheit, Heiligkeit und Demokratie zu erreichen. Aber wenn dem so ist, dann muß eine andere Form der Verteilung von Vertrauen in und Zurückhaltung gegenüber Bildern entworfen werden.

Um dies zu erreichen müssen wir verschiedene Modelle des Glaubens und des Unglaubens, des Zweifels an der Repräsentation vergleichen. Ein großer Teil unserer europäischen Tradition, mit Bildern umzugehen, stammt aus dem Bereich der Religion, insbesondere der christlichen in ihrem Verhältnis zum Judentum und dem Islam. Im Bereich der Religion existieren gleichzeitig Bilderverbote und eine sagenhafte, unausgesetzte Verbreitung von Bildern. Daher rührt also die Präsentation so vieler »Iconoclashes«, dem Aufeinandertreffen dieser gegenläufigen Bereiche in der Ausstellung.
  Es existieren aber auch viele Arten der Repräsentation, von Einschreibungen und Modellen, die nicht der Religion entstammen, sondern der reichen europäischen Wissenschaftstradition. Auch hier spielt sich wieder der Kampf wissenschaftlicher Vorgehensweisen gegen die Macht der Bilder und der Imagination ab, die dabei aber gleichzeitig in ihrem Bestreben, objektives Wissen zu produzieren, notwendigerweise eine unendliche Zahl an Repräsentationsmöglichkeiten hervorbringen. Daher also eine weitere Form des Vertrauens und der Zurückhaltung gegenüber Bildern, die in der Ausstellung aufgegriffen wird.
  Der Bereich aber, in dem am Systematischsten zugunsten und gegen Bilder experimentiert wurde, ist die Kunst mit allen ihren Medien - von der Malerei bis zum Film, vom Theater bis zur Skulptur, vom Tanz bis zur Videokunst. Auch hier wird deutlich, dass die Forderung nach neuen Formen der Zerstörung von Bildern wiederum einen unausgesetzten Fluß neuer Formen der Herstellung von Bildern hervorgebracht hat.
  Alle diese Muster von Glaube und Zweifel an Bildern - ob in den Wissenschaften, der Religion oder in der Kunst - waren an an einem bestimmten Punkt aufs Stärkste mit dem Bereich der Repräsentation par excellence verbunden: der Politik.

Wir laden die Besucher zu einer »Pilgerreise« in drei Etappen durch die in der Ausstellung versammelten »Iconoclashes« ein: Im ersten Teil sehen sie sich Fällen gegenüber, die dazu aufforden, Stellung zu beziehen - heftige Debatten für und wider Bilder werden ausgetragen; Ikonoklasten und Ikonophilen liegen ganz offensichtlich im Krieg miteinander. Im zweiten Teil wird die Aufmerksamkeit der Besucher von den Bildern weg hin zu den komplexen, abwegigen und geschickten Strategien gelenkt, durch die Bilder produziert und aufrecht erhalten werden. Stellung zu beziehen wird angesichts der Komplexität, die mit der Herstellung von Bildern verbunden ist, immer schwieriger. Schließlich werden die Besucher dazu aufgefordert, sich jenseits der Bilderkriege zu bewegen und für sich selbst verschiedene Formen der Bindung an und der Distanzierung von Bildern und allgemeinere Formen der Vermittlung zu erforschen. Die reiche und umkämpfte Geschichte der Bildproduktion und der Bildzerstörung kann dann wiederbesucht werden.

 

+ Biografie

Bruno Latour

Wissenschaftssoziologe, lehrt am Centre de sociologie de l’innovation der Ecole Nationale Supérieure des Mines in Paris

Bruno Latour studierte zunächst Philosophie sowie anschließend Anthropologie. Nach Feldstudien in Afrika und Kalifornien spezialisierte er sich auf die Analyse der Arbeitsweisen von Wissenschaftlern und Ingenieuren. Neben seiner Tätigkeit in den Bereichen Philosophie, Geschichte, Soziologie und Anthropologie, war Latour an zahlreichen Studien zu Grundsätzen und Methodik der Naturwissenschaften sowie zum Forschungsmangement beteiligt. Zu seinen Publikationen zählen u.a. Laboratory Life. The construction of Scientific Facts. [Princeton University Press], Science in Action und The Pasteurization of France [beide Harvard University Press]. Latour veröffentlichte außerdem eine Feldstudie zu einem automatischen/automatisierten Untergrundsystemen, Aramis or the love of technology, und einen Essay über symmetrische Anthropologie, »We have never been modern« [die beiden bei Harvard Univerity Press erschienen Publikationen wurden bisher in 15 Sprachen übersetzt]. Außerdem erschien im selben Verlag die Essaysammlung Pandora's Hope, Essays in the Reality of Science Studies.
In einer weiteren Serie von Büchern, die bisher in französischer Sprache erschienen sind, setzt sich Latour mit den Auswirkungen naturwissenschaftlicher Studien auf verschiedene Forschungsbereiche der traditionellen Soziologie auseinander [Sur le culte moderne des dieux faitiches, und Paris ville invisible, ein fotografischer Essay über die technischen und sozialen Aspekte der Stadt Paris]. 1999 veröffentlichte Latour Politiques de la nature [Das Parlament der Dinge. Naturpolitik, 2001], ein Buch, das sich mit philosophischen Aspekten der Umweltpolitik befaßt. Die Ergebnisse seiner aktuellen Feldstudien bezüglich eines der Obersten Gerichtshöfe Frankreichs werden vorraussichtlich im Herbst diesen Jahres unter dem Titel Dire le droit. Une ethnographie du Conseil d'Etat publiziert werden.
Bruno Latour lehrt am Centre de sociologie de l’innovation der Ecole Nationale Supérieure des Mines in Paris sowie als Visiting Professor an der London School of Economics.

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ICONOCLASH
 
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