Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:24:34
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 22
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Man Ray


Francis Picabia


Francis Picabia

"Die Vernunft läßt uns die Dinge sehen in einem Licht, wie sie nicht wirklich sind. Und schließlich: Wie sind sie wirklich?" So kennzeichnet Francis Picabia (geboren 1879 in Paris, 1953 dort gestorben) die produktive Skepsis, mit er die internationale Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rezipierte und irritierte. Picabia, Maler und Schriftsteller, war theoretischer Geist und erfindungsreicher Bildproduzent, aktiver und abtrünniger Dadaist, Provokateur und reicher Bonvivant mit männlicher Lust an schnellen Autos. Dank finanzieller Unabhängigkeit besaß er eine Sammlung verschiedener Sportwagen und Limousinen, die er – in seinen eigenen Worten – um die Sammlung schöner Frauen ergänzte. Sein Werk ist geprägt von stilistischer Willkür, Gemälden in den unterschiedlichsten Stilhaltungen vom Pointilismus über Prä-Pop bis zu Prä-Minimalismus und Kinokitsch. Reproduktionen nach eigenen Werken lassen sich als Retroästhetik oder als selbstbezügliche Appropriation qualifizieren, als dies noch nicht Mode war. In den Jahren von Dada in Zürich, Köln, Berlin, Paris und New York entstehen "Mechanomorphien" im Zwischenreich der erotisch-mechanischen Maschinenphantasien. In einem Raumkasten erscheint eine fiktive Konstruktion, die aus Teilen eines Autos entwickelt sein könnte. Die Maschine wird zur Metapher erotischer Assoziationen, das Umeinanderkreisen, das Ein- und Durchdringen großer und kleiner Röhren, das Energie freisetzende Stampfen von Zylinder und Pleuelstange inszenieren die "Parade der Liebe" (1917). Picabia antwortet so auch auf die Technikeuphorie der italienischen Futuristen. Die Bilderwelt der Nicht-Kunst wird für den anarchischen Surrealisten früh zur Quelle für bildnerische Reflexion. So wandelt sich die technische Zeichnung einer Zündkerze zum "Portrait of an American Girl in the State of Nudity" (1915), ein ironischer Kommentar zur zündenden Wirkung der Technik auf die Männerwelt. Das erotische Moment, das Menschen innerlich bewegt und motiviert, verlagert sich in ein Maschinenteil. Die Zündkerze, die das Benzin-Luftgemisch zur Explosion bringt, das Motor und Wagen antreibt, ist (gegenläufig zum Titel) auch ein phallisches Symbol der neuen Zeit, in der die Wirtschaft belebt, die Welt gestaltet und soziales Prestige begründet wird. Die Männerphantasie maschinenanaloger Weltaneignung verleugnet Picabia mit seiner Faszination für schnelle Autos keineswegs, unterfüttert sie allerdings mit einem ambivalenten Wortspiel. Der auf Wertarbeit verweisende Schriftzug "For Ever" auf der Zündkerze spielt auf den Wunsch nach erotischer Dauer an, ohne sich über die desillusionierende Mechanisierung menschlicher Sexualität zu täuschen. DT

William A. Camfield: Francis Picabia. His art, life and times. Princeton 1979