Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:23:42
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 23
Msg #: 265 (Erste Nachricht zum Thema)
Prev/Next: 264/266
Reads: 9057

ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Richard Prince

Richard Prince

Ende der siebziger Jahre ist der in New York lebende Richard Prince (geboren 1949 in der Panama-Kanal-Zone) dazu übergegangen, bestehende Fotografien nochmals fotografisch zu reproduzieren. Er fotografiert Anzeigen von Motorrädern und aus Fachzeitschriften, Fotos aus der Szene der Rocker und ihrer freizügig posierenden "Girlfriends". Aus den Massenmedien entnimmt er Bilder von heroischen Marlboro-Männern einerseits, von den Hippie-Erben der Cowboys andererseits, den ungezügelten Easy Ridern, die mit ihren schweren Maschinen die Straßen beherrschen. Auf den Highways kehren amerikanische Mythen wieder. Das Pferd wurde gegen das Automobil ausgetauscht, die Maschine behielt jedoch animalische Züge.
Die von Prince veranschaulichte Analogie zum Hai hat Tradition: Bereits in Marinettis "Manifest des Futurismus" von 1909 ist von Autos als "Bestien" die Rede. In den "Abflußgraben einer Fabrik" geschleudert, bergen "Fischer und (...) Naturforscher" den Wagen "wie einen großen gestrandeten Haifisch". Der automobilen Raserei entspricht dabei der futuristische Bildersturm gegen die statischen Kunsttraditionen. Die Mobilie Auto wurde gegen die Immobilie des Museums als Friedhof der Kunst in Stellung gebracht. Stand die dynamische, zerstörerische Maschine dort als Zeichen des ästhetischen Aus- und Aufbruchs, so signalisiert sie bei Prince die Freiheit an den sozialen Rändern und verweist zugleich auf das Aggressionspotential, das sich unter der Herrschaft repressiver Wohlanständigkeit der Mittelklasse anstaut.
Teil 1 von "Creative Evolution" (1985) zeigt, wie riesige Monster-Trucks kleinere (Schrott–)Autos überrollen. Teil 2 suggeriert den monströsen Aspekt des Autos im Allgemeinen. Offensichtlich sind dem Auto nicht nur heimtierähnliche Eigenschaften zugewachsen, es trägt auch die Symbolik von Jagd und Kampf, die sich in der Benennung von Automobilen – etwa als Jaguar oder Thunderbird – wie auch im Design niederschlägt. Wie rohe Muskelprotzerei und Dominanzgebärde wirken die übergroßen 'Monster-Reifen'. Aber auch bei PKW-Karosserien sind die zähnefletschenden Physiognomien der Kühlergrills in verdeckter Form als Drohgebärden zu verstehen. Vermeintliche, durch diese Symbolik noch verschärfte Aggressionen durch zu nahes Auffahren oder (Licht-)Hupen lösen selbst beim sanftmütigsten Autofahrer eine Art defensiver Urreaktionen aus. Wir entdecken uns dabei, im Auto aggressiver zu sein als in anderen Alltagssituationen. Bei Verstößen gegen die territoriale Integrität, die wir von unserem Körper auf unser Auto und dessen Umfeld ausdehnen, regt sich das Tier in uns, das sein Revier verteidigt. Prince hält uns den Spiegel vor. FE

Richard Prince: Photographien/Photographs 1977–1983. Hannover 1994