Author:   graesser  
Posted: 11.10.2000; 17:10:36
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 17
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LOST & FOUND << zurückweiter >>

Zsolt Vásárhelyi

Der Grundriss des spärlich möblierten Appartements ist in der Art einer sorgfältigen Architekturzeichnung auf einer großen Leinwand dargestellt. Gegenüber der Eingangstür ist der Raum für das große Bett, seitlich der Platz für eine Anrichte mit Spüle und Kühlschrank projektiert. Eine weitere Tür und zwei Fenster gehen auf den gefliesten Balkon hinaus. Eine Videoprojektion auf die Bildfläche zeigt –von oben gesehen – eine menschliche Gestalt mit verschränkten Armen, die ziellos hin und her schreitet, gelegentlich ihre Hände betrachtet. Ihr Bewegungsspielraum ist offensichtlich auf den begrenzten Raum beschränkt, während ein projizierter Fisch diese auch zu überwinden vermag. Es ist eine Nishikigoi oder Koi, ein Brokatkarpfen, der insbesondere in Japan wegen seines oft lebhaft gefärbten Schuppenkleids als Zierfisch hochgeschätzt wird. Mit leichten Flossenschlägen bewegt sich er sich über dem Grundriss des Zimmers. Er gelangt durch den Eingang hinein, scheint suchend hin und her zu schwimmen, tastet die Wände ab, schwimmt zum Balkon wieder hinaus, kehrt aber immer wieder zurück.

Zsolt Vásárhelyi entwickelt sein Werk in Konzepten, Videos und Installationen. Seine Wohnung ist sein Atelier. Dort konzipiert er seine Arbeiten, getrennt vom sogenannten normalen Lebensvollzug, scheinbar fern von einer Gesellschaft, der seine Aktivitäten größtenteils fremd erscheinen (mögen). Treibt er damit nicht einer Rolle zu, die unter anderen ideologischen Voraussetzungen György Konrád eindrucksvoll beschreibt? „Zwischen meinem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahr war ich in meiner Wohnung, in meinem Haus eine Unperson, ein Mensch, den es nicht gab, der nicht hätte existieren dürfen und der allein schon mit seiner Anwesenheit eine Norm verletzte. Auf Berufs- und Publikationsverbot antwortete ich mit der inneren Befreiung des Autors" (György Konrád in seinem autobiographischen Roman „Sonnenfinsternis auf dem Berg“, 2005). Bis in die unmittelbare Gegenwart hinein stehen ungarische Künstler in einem Rollenkonflikt. Es geht einerseits um ein Selbstbild in einer Gesellschaft, die lange von Zensur gekennzeichnet war (und diese mehr oder weniger in ihrem Verständnis von Kunst verinnerlichte), in der künstlerisches Schaffen in Hinblick auf kommunistische Ideale sanktioniert wurde; andererseits um das freiheitlich-demokratische Postulat autonomen Künstlertums, das seit 1989 behauptet wird. Denn auch den neuen Freiheiten bieten sich Schranken in der – zwar nicht repressiven, aber doch harten – Zensur des Kunstbetriebs und der freien Marktwirtschaft, auf die der Künstler mit Strategien einer marktgerechten Präsenz im Betriebssystem Kunst antworten muss, will er nicht als „No-Name“ ausgeschlossen sein. In beiden Perspektiven erscheint Fremdheit gegenüber dem jeweiligen System das Schicksal künstlerischer Existenz zu sein. So stellt sich für Zsolt Vásárhelyi die Frage, ob er sich als kritischer Analyst der neuen Gesellschaftsordnung gegenüber positionieren oder ob er sich als dekorativ-unterhaltsamer Paradiesvogel gibt: mit öffentlichkeitswirksamen Auftritten sowie einer absetzbaren Bildproduktionen, subventioniert von Stipendiengebern, die sich häufig auch ihrerseits den Mechanismen eines neoliberalen Marktes nicht entziehen können.

Für Zsolt Vásárhelyi bleibt der Künstler ein Sonderfall der menschlichen Spezies, Exot und kostbares Wesen, das Freiheit beansprucht und auch in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft immer wieder nach dem Preis, den Gängelungen und der Relevanz seiner Existenz fragen muss. Wie eine Fabel erscheint da seine Tapete, die ins Unendliche wiederholt – fast beschwörend – die immer gleiche Konstellation zeigt: den Koi, der sich einer Hand zuwendet, die ihm ein Stück Zucker reicht.



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