Rainer Kehres, Sebastian Hungerer

Rainer Kehres
* 12.11.1968 in Pforzheim [D], lebt und arbeitet in Karlsruhe [D]

Sebastian Hungerer
* 11.03.1972 in Marburg [D], lebt und arbeitet in Karlsruhe [D]


Space Invaders, 2006
Installation
ZKM_Foyer

Höhe variabel, im ZKM: 11 x 14 Meter
Drahtseil, Alurohr, Elektrokabel, Leuchtkörper
Courtesy Kehres, Hungerer

Mit Space Invaders lassen uns Rainer Kehres und Sebastian Hungerer vor einen überdimensionalen "Vorhang" aus Dutzenden von Lampen treten, insgesamt 176 Stück, die als Gesamtes eine überwältigende Lichtinstallation von 11 Metern Höhe und 14 Metern Breite ergeben. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass im Foyer des ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe eine künstlerische Arbeit installiert wurde. Aber es ist das erste Mal, dass fast ausnahmslos jeder Besucher beim Betreten der Eingangshalle stehen bleibt und: staunt. Gleichermaßen beeindruckend sind die Dimensionen, die Space Invaders ausfüllt, als auch die Vielfalt der Leuchten, von der jede einzelne mindestens eine Besonderheit aufweist.

Streng geometrisch haben Kehres und Hungerer die 176 Leuchtobjekte mittels einer eigens für diesen Zweck konzipierten, filigran wirkenden Metall-Konstruktion angeordnet. In immer demselben Abstand wurden jeweils 16 Lampen in der Breite und elf in der Höhe angebracht, aber nicht nur "aufgehängt": Hier hat jede einzelne Lampe ihren sicheren Platz gefunden, der ihr entsprechend ihrem Material, ihrer Form oder Leuchtkraft zugewiesen wurde. Der Eindruck einer akribisch durchdachten Komposition täuscht jedoch - Kehres und Hungerer haben sich voll und ganz auf die Dynamik während des eigentlichen Prozess des Hängens verlassen.

Vertreten ist nahezu jede Dekade der vergangenen Jahrzehnte, angefangen bei den 20er Jahren, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den 50er bis 70er Jahren liegt. Der Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben, vielmehr der Anspruch auf Vielfalt. Entsprechend kurios, witzig, originell oder durchdacht ist jedes einzelne Leuchtobjekt oder einfach nur wunderschön. Das Spektrum reicht von einem DDR-Relikt über eine kostspielige Verner-Panton-Lampe bis hin zu einer Castiglioni-Leuchte aus den 1950er Jahren. Eine ganz besondere Freude bereitet die Feststellung, mit welcher Unbekümmertheit das Design-Objekt mit der Ikea-Ikone korrespondiert, mit welcher Mühelosigkeit sich die Leuchtskulptur dem Alltagsgegenstand gegenüberstellt.

Die Architektur des ZKM erlaubt mehrere Sichtachsen auf die Installation. Nimmt der Besucher die Treppe zum Balkon vor dem Medienmuseum, gewährt einem dieser aus gebührendem Abstand die ungehinderte Sicht auf die Frontale. Dies ist die einzige Perspektive, aus der der Besucher mit den Space Invaders vermeintlich auf Augenhöhe ist und die ihm erlaubt, die Arbeit in ihrer vollen Größe aufzunehmen.
Ein zweiter Weg führt den Besucher zur Brücke in der ersten Etage, die den Platz vor dem ZKM_Kubus und die Rückseite der Mediathek verbindet. Hier befindet er sich nur wenige Meter von der Installation entfernt, was dazu einlädt, an Space Invaders entlang zu schreiten und einzelne Leuchten - zum Greifen nahe - näher zu inspizieren. Die meisten Besucher wählen jedoch den Standort im Foyer, wo Space Invaders nur wenige Meter über dem Fußboden schwebt. Automatisch in die Froschperspektive versetzt, setzen sich viele Besucher fast direkt unter den Lampenvorhang, manche bleiben in geringem, die meisten mit großem Abstand vor der Arbeit stehen, nicht selten lässt sich jemand auf dem Boden nieder, um die Lichtinstallation liegend betrachten zu können. Die Gefühlsregungen, die dabei von den Schauenden abgelesen werden können, erinnern beinahe an Szenerien in der Tate Modern, als Olafur Eliasson mit seinem Weather Project zu Gast war, jene an eine Sonne erinnernde, künstlich beleuchtete Lichtscheibe riesigen Formats. Sicherlich sind allein die Koordinaten sowohl der Turbinenhalle als auch Eliassons Arbeit von weitaus gigantischerem Ausmaß. Die Reaktionen der Besucher sind jedoch nahezu identisch: Unvermitteltes Stehenbleiben, Überraschung, Lächeln, Faszination, Staunen, verharren wollen.

Space Invaders wurde im Kontext der Ausstellung »Lichtkunst aus Kunstlicht« installiert, eine der beliebtesten und meist besuchten Sonderausstellungen des ZKM seit dessen Eröffnung. Die Besucher waren begeistert von den Möglichkeiten in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem elektrischen Licht, die trotz ihrer Vielfalt den Mythos des Rätselhaften eher untermalt, denn aufgelöst haben.
Ähnlich wie Olafur Eliasson machen sich Kehres und Hungerer für ihre Arbeit neben dem Element Raum eben diese Faszination Licht zu nutze, welches in seiner Wirkungskraft ungebrochen ist und den Betrachter stets mit der unspezifischen Bestätigung darüber zurücklässt, zu wissen, was das Licht ist: ein Phänomen.

Der Titel Space Invaders, der ursprünglich nur in Anlehnung zum grafischen Erscheinungsbild des gleichnamigen Computerspiel-Urgesteins als vorläufiger Arbeitsbegriff im Entstehungsprozess aufgetaucht war, wurde dann beibehalten, im Sinne seiner wörtlichen Übersetzung und der eindringlichen Raumwirkung von Licht. Auch belegt er die persönliche Vorliebe von Kehres und Hungerer für futuristische und ufoartig wirkende Lampenformen. Besucher, denen sich dieser Zusammenhang nicht sofort erschließt, sind nicht selten für einen Moment irritiert. Sie gehen noch einmal ein paar Schritte zurück, um das Kompositum aus Leuchtobjekten aus einigem Abstand zu betrachten. Oder nehmen diesmal den Weg über die Brücke oder auf den Museumsbalkon - und tatsächlich, die Installation nimmt die gesamte Breite des Lichthofs 7 des ZKM ein, den unzähligen Leuchtkörpern haftet zweifellos etwas Außerirdisches an, wie sie scheinbar stehend über dem Boden schweben, streng angeordnet und dabei verführerisch funkelnd. Jedenfalls ist es ein tröstlicher Gedanke, dass jene Wesen, deren Existenz wir nur phantasieren können, im Falle einer 'Invasion' ausnahmslos freundlicher und friedlicher Gesinnung sind.

hb

· www.commonlights.com
· The Light Project, Teilnahme der Künstler an der Ausstellung
  Dan Flavin. Constructed Light, 01.02.-04.10.2008,
  The Pulitzer Foundation For The Arts, St. Louis [USA]