Author:   Heike Borowski  
Posted: 11.11.2005; 16:13:57
Topic: Fontana Werk
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  Lucio Fontana

Biografie


Ambiente spaziale a luce nera/
Spatial environment in black light
,
1948-49 [Rekonstruktion 1976]
Objekt
Sektion B Lichtbilder

100 x 350 x 250 cm
UV-Leuchtstofflampe, Pappmaché,
phosphoreszierende Farbe, Holz
Fondazione Lucio Fontana, Milano

Lucio Fontanas [1899-1968] Name ist eng verbunden mit der in der späten 1950ern in Italien einsetzenden künstlerischen Auflösung und Zerstörung des Tafelbilds. Der Vorgang des Durchlöcherns, Perforierens und Zerschlitzens in Fontanas Werk darf hier jedoch als Reflexion der Rückbezüglichkeit von Tafelbild und den skulpturalen Elementen verstanden werden, als Kommentar eines konstituierten, immateriellen Raumes zwischen oder hinter den bloßgelegten Teilen des Objektes, der eine Raumwahrnehmung im Sinne einer Darlegung des homogenen Gewichts zwischen der ursprünglichen Funktionalität des Objekts und dessen verletzten Abbildes gewahr werden lässt. »Zerstörung« im Sinne einer Suche nach neuen Botschaften und Mythen und nach der Möglichkeit, den materiellen Raum um eine sinn-bildliche Dimension im wahrsten Sinne des Wortes zu erweitern.
Vor diesem Hintergrund darf auch die Arbeit »Ambiente spaziale a luce nera [Spatial environment in black light]« aus dem Jahr 1948/49 [rekonstruiert 1979] als Erfahrungsraum interpretiert werden, die zu einer Serie von Ambienti spaziali [Rauminstallationen] gehört, unter deren Bezeichnung Lucio Fontana farbige Skulpturen schuf, die frei hängend in völlig verdunkelten Räumen mit ultraviolettem Licht angestrahlt werden. Losgelöst von jeglicher optisch erfahrbaren Umgebung ist so eine absolute räumliche Wahrnehmung der Skulptur möglich. Der in Argentinien geborene Künstler, der hauptsächlich in Italien lebte und arbeitete, zählt heute zu den richtungsweisenden Künstlern nicht nur der modernen italienischen Kunst, sondern der europäischen Avantgarde allgemein. Der mit großem handwerklichen Können ausgestattete Maler und Bildhauer hinterließ nach seinem Tod ein gigantisches Lebenswerk, das Leinwandbilder genauso umfasst wie Arbeiten aus Bronze, Keramik Stein und Metall sowie Lichtskulpturen. Fontana beherrschte in der ersten Schaffensphase verschiedene Stile, angefangen von den beinahe klassisch-gegenständlichen Frühwerken mit ihrer eher »barock« anmutenden Bildsprache bis hin zu Großformaten aus Metall mit fast sechs Metern Breite. Er schuf sowohl gegenständliche als auch abstrakte Werke, besonders signifikant sind jedoch seine als Raumkonzepte [»Concetti spaziali«] zu verstehenden monochromen Bilder, die er mittels der von ihm kreierten »Spazialismo-Methode« durchlöcherte, gänzlich perforierte oder mit Einschnitten versah. 1947 gründete er die Künstlervereinigung »Moviemento spaziale« und verfasste mehrere Manifeste, insgesamt fünf, in denen er seine Theorien zur Suche nach neuen Raumerfahrungen niederschrieb. Bereits relativ früh, 1946, verkündete er sein Ziel einer »Raumkunst«, die mit Hilfe der Technologie der vierten Dimension Ausdruck verleihen würde; erst seit einigen Jahren jedoch wird Fontanas visionäre Forschung im Bereich der ästhetischen Bildsprache, für die er die Verschmelzung der Kategorien Architektur, Skulptur und Malerei vorsah, mit ihren ganzen Facetten wahrgenommen.
hb