Author:   Heike Borowski  
Posted: 15.11.2005; 14:42:54
Topic: Sektionen | A | Sieg über die Sonne
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  Sektion A Sieg über die Sonne


Die Stunde des künstlichen Lichts als Medium der Kunst beginnt mit der Erfindung der Glühbirne durch Heinrich Göbel [1854] und deren Weiterentwicklung durch Josef Swan [1878] und Thomas A. Edison [1879]. In dem Gemälde »La Fée Electricité« [Die Fee Elektrizität, 1937/38] einer Huldigung an die Pioniere der Elektrizität hat der Maler Raoul Dufy auch den Wissenschaftler Heinrich Hertz dargestellt, der 1889 in Karlsruhe nachgewiesen hat, dass sich elektromagnetische Wellen auf die gleiche Art und mit der gleichen Geschwindigkeit ausbreiten wie Licht, dass also Licht nichts anderes als eine besondere Form elektromagnetischer Wellen ist. Durch die industrielle Produktion der Glühlampe und deren schnelle Verbreitung wurde in der Folge die Nacht zum Tag; das künstliche, vom Menschen gemachte Licht konnte nun das natürliche Licht ersetzen, was einem »Sieg über die Sonne« gleichkam. So beschwört die gleichnamige futuristische Oper von Alexej Krutschonych [Libretto], Michail W. Matjuschin [Musik] und Kasimir Malewitsch [Bühnenbild und Kostüme] 1913 den Sieg der Technik über die kosmischen Kräfte von Sonne, Mond und Sterne: das »Paradiso Terrestre« [1991] von Astrid Klein. Vom Flugzeug aus gesehen leuchten des Nachts die künstlichen Lichter der Erde wie Sterne im All. Die Begeisterung für das künstliche Licht und die Glühlampe als dessen Symbol spiegelt sich in Werken von Künstlern unterschiedlicher Richtungen und Generationen wider, zum Beispiel Günther Ueckers »Große Lichtscheibe« [1970], Damir Sokics »Skulptur« [1979] und Yaacov Agams »Fiat Lux« [1967]. In der Medienoper »Der künstliche Wille« [1984] von Peter Weibel und dem Auszug »Licht-Bilder« [2004] aus dem die sieben Tage der Woche vertonenden Zyklus »Licht« von Karlheinz Stockhausen wird das Licht mit all seinen Bedeutungen für Natur und Kultur gefeiert. Bei Paul Thek und Gianni Colombo werden Glühlampen zur selbst leuchtenden Erdkugel und Joseph Beuys lässt eine gelbe Glühlampe durch die Energie einer sonnengereiften Zitrone imaginär aufleuchten. 1970 schuf Günther Uecker eine drei Meter große Lichtscheibe, die die Sonne nicht nur symbolisiert, sondern Licht und Schatten real werden lässt. Jürgen und Nora Claus hingegen nutzen gelbes Argongas, um in großen Lettern den Anbruch des künstlichen Sonnenlichtzeitalters zu verkünden: »L'age solaire« [1991]. Wo Sonnenlicht ist, dürfen auch Wolken nicht fehlen, so konstruiert etwa Spencer Finch aus blauen Filterfolien eine dichte Wolke, die das simulierte, sonnengleiche Licht von 100 Leuchtstoffröhren filtert.


Ausgewählte Werke

Jürgen und Nora Claus
L'age solaire, 1991

Günther Uecker
Große Lichtscheibe, 1970