rauschendes licht
die transformation von echtzeitdaten in eine interaktive lichtskulptur
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james turrell


aus: Kunstforum | Band 132, November 1995 januar 1996, Seite 382, Austellungen

Johannes Meinhardt: James Turrell

Lichträume

Städtische Galerie Göppingen, 10.9. - 12.11.1995


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1) -?
2) Catso, 1967, Drywall, paint, Xenon Projector, Mattress Factory Pittsburgh

Licht ist eine kraftgeladene Substanz, zu der wir eine primäre Verbindung haben. Aber Situationen, in denen man die Präsenz einer so kraftgeladenen Substanz wahrnimmt, sind fragil. Ich forme es, soweit das Material das erlaubt. Es macht mir Spaß, damit zu arbeiten, so daß man es physisch fühlen kann, so daß man die Präsenz des Lichtes, das sich in einem Raum befindet, fühlen kann. Ich mag die Qualität von Fühlen, das nicht allein über das Auge abläuft." (James Turrell, 1987)

Gerade weil der grundsätzliche Ansatz und die Problemstellung von James Turrell sich seit dem Beginn seiner Arbeit Mitte der 60er Jahre durchgehalten haben, ist es interessant, die tiefgehenden Verschiebungen der in den Arbeiten konditionierten Positionen und Haltungen des Betrachters zu verfolgen: von einem analytischen Betrachter, der die visuelle und energetische Realität des Lichtes und seiner `Materialisationen' in der optischen Brechung an unterschiedlichsten Körpern beobachtet und erkennt, zu einem faszinierten, passiven Beobachter, der unfaßbaren sensuellen Erlebnissen ausgesetzt ist und diese konsumiert - und der dann, möglicherweise, auf dieses Erlebnis reflektiert.

Die doppeldeutige Realität des Lichtes, diesseits und jenseits allen ästhetischen Scheins, war eines der Untersuchungsobjekte der Minimal Art (etwa bei Flavin), besonders bei einigen Künstlern der Westküste (James Turrell wurde 1943 in Los Angeles geboren). Diese Doppeldeutigkeit ist in sich selbst verdoppelt: das Licht ist immateriell, aber real; es ist im Raum, bleibt im Raum aber unsichtbar - es wird sichtbar nur dort, wo es von einem Körper emittiert oder reflektiert wird. So ist das Licht selbst räumlich, erfüllt einen Raum, wird sichtbar aber immer nur an einer Oberfläche, als Sichtbarkeit dieser Fläche. Die Sichtbarkeit des Lichtes ist so an Körper zurückgebunden, die ihrerseits nur durch das an ihnen sich brechende Licht sichtbar werden. Taktilität und Sichtbarkeit sind auf die verwirrende Weise verknüpft, daß das Medium des Sehens selbst weitgehend unsichtbar bleibt und normalerweise wie eine Ausdehnung des Sinnes, des Auges, wie eine Berührung auf Distanz funktioniert.

James Turell versuchte von Anfang an, die Realität des Lichtes selbst sichtbar zu machen, also das Licht dazu zu bringen, wie ein Körper sichtbar zu werden: zugleich die visuelle Präsenz und die taktile Dichte eines Körpers anzunehmen; bzw. darin, den leeren lichterfüllten Raum selbst in einem transparenten, aber wie ein Körper sichtbaren dichten Farblichtraum sichtbar zu machen. So besteht Turrells "Interesse an der Lichtwahrnehmung darin, ihr Dinglichkeit zu verleihen. Sie existiert genauso, wie ein physisches Objekt eine Präsenz hat. Ich verdingliche die Wahrnehmung, indem ich ihr in formaler Hinsicht Grenzen auferlege. Es ist kein Objekt vorhanden, nur objektifizierte Wahrnehmung" (1993). Paradigmatisch für eine solche Verdichtung und `Verdinglichung' des Lichtes sind atmosphärische Phänomene, in denen die Lichtbrechung an Staub, Sand, Wassertröpfchen etc. zu Farbschleiern und Lichtnebeln führt: in denen das Licht sich in einem materiell nicht faßbaren tiefen Raum materialisiert, der zugleich Körper und leerer Raum, Oberfläche und Tiefe ist.

Die Göppinger Ausstellung umfaßt erfreulicherweise neben vier Perceptual Cells von 1989 und 1992 und einem neuen Lichtraum (Red Shift, 1995) einen sehr frühen Lichtraum (Amba, 1968). In diesem frühen Projection Piece wird die Rückwand des Raumes durch die Projektion zweier weißer Flächen `immaterialisiert', die einander überschneiden: in der Mittelsenkrechten der Wand zeigt sich durch die Überblendung ein noch hellerer, noch `weißerer' Balken. Auf diese Weise wird analytisch dokumentiert, wie Intensität des Lichtes und seine Farbe so untrennbar miteinander verbunden sind, daß die scheinbar der Beleuchtung zugehörige Helligkeit und die scheinbar dem Gegenstand zugehörige weiße Farbe voneinander direkt abhängige Variable sind.

Red Shift, 1995, dagegen transportiert den Betrachter in ein meditatives Erleben eines fast unmerklichen Farbübergangs von Rot zu Blau, das sich in einem Farblichtraum abspielt, der vom dunklen Betrachterraum aus ebensogut eine scheinbar taktil erprobbare Wand wie ein leuchtender leerer Raum ist. "Eine Fläche tritt in Erscheinung, die nicht vorhanden ist. Ein taktiler Sinn kommt ins Spiel, ein Verlangen zu berühren, aber es gibt kein Objekt, genausowenig wie ein Bild oder einen Punkt zum Anvisieren. Es gibt nur die Wahrnehmung selbst... Das Berühren erfolgt mit den Augen" (1993).