rauschendes licht
die transformation von echtzeitdaten in eine interaktive lichtskulptur
.

Unbefangenes Sehen


Author:   martin maurer  
Posted: 10.04.2002; 15:55:23
Topic: Unbefangenes Sehen
Msg #: 67 (top msg in thread)
Prev/Next: 66/68
Reads: 10754

Licht – Wahrnehmung – Mensch
Der Begriff „Licht“ ist untrennbar mit dem menschlichen Wahrnehmungsprozess verbunden. Als „Licht“ bezeichnet man das, für das menschliche Auge, wahrnehmbare Strahlenspektrum.
Der menschliche Wahrnehmungsprozess beginnt damit, dass Licht auf das menschliche Auge trifft und Reize auslöst, die an das Gehirn weitergeleitet werden. Das Gesehene wird in Helligkeit, Form, Farbe und Bewegung zerlegt und anschließend, aufgrund des individuellen Wissens und Erfahrung, etwas erkannt ( z.B. eine „rote“ Farbe ) und verstanden. Unverzichtbar für das Erkennen und Verstehen ist aber diese Vorleistung, der „Zerlegung“ des Gesehenen.
Sobald wir als Mensch uns bewusst sind, etwas zu wahrzunehmen, ist die Zerlegung das gesehenen Bildes abgeschlossen und wir erkennen ein Bild.

Das Rationale an der Wahrnehmung
Meine Überlegung ist, dass ab dem Moment, in welchem Erkennungsleistungen erbracht werden, der Wahrnehmungsprozess irrational wird; bis dahin der Verlauf aber allein auf Verarbeitung des rezipierten Lichtes beruht. Es wird selektiert, und differenziert. Für jede Farbe, Form oder Bewegung reagiert eine andere Zelle. Diese Verarbeitung, die sozusagen die Vorarbeit für das Erkennen ist, bezeichne ich als das Rationale an der Wahrnehmung.
Es ist für meine weiteren Überlegungen nicht entscheidend, wann jetzt welcher Reiz an welche Zelle übertragen wird, es ist auch nicht entscheidend, ob bei jedem Menschen die Zellen genau gleich angeordnet sind – entscheidend für meine Überlegung ist, dass diese „Vorarbeit“ stattfindet und dass die Zerlegung des Bildes in Helligkeit, Form, Farbe und Bewegung stattfindet.

Unbefangenes Sehen
In meiner Arbeit möchte ich die rationale Verarbeitung von Gesehenem näher betrachten. Auch wenn sie keine vollständige Bildbetrachtung ist, so bietet sie doch gewisse Möglichkeiten an, besonders, wenn mich ein Bild auf irgendeine Art und Weise irritiert.
Diese rationale Ebene ermöglicht einem Tatsachen festzustellen. Sie sind in ihrer Aussage banal, dafür aber unwiderlegbar. „Ich sehe etwas; ich sehe Unterschiedliche Farb-Verteilungen; ich sehe Kontraststärken; ich sehe Bewegung.“
Aussagen, die zwar in als Aussage schon eine gewisse Wertung in sich tragen – die aber auf unbefangenes Sehen basieren.
Beim „unbefangenen Sehen“ nehme ich allein das Bild und die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit als Basis. Das heißt, dass ich keine absoluten Werte benenne, sondern Relationen, die selber im Bild offensichtlich sind (keine Bewegung und extrem schnelle (nicht mehr sichtbare) Bewegung).

Visualisierung
Das vorgestellte Thema des unbefangenen Sehens lässt eine unmittelbaren Visualisierung nicht zu, da es ja genau um den Prozess geht, der vor jeglichem Erkennen vonstatten geht. Die bloße Verarbeitung von Reizen beinhaltet kein Bewusstsein – und entzieht sich somit der menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Man kann sich nur überlegen, dass es so sein müsste und man kann Untersuchungen anstellen und Indizien zu sammeln. Daher kann eine Installation nur einen Hinweis auf die oben beschriebene rationale Wahrnehmungsebene liefern.

Für die Installation soll eine permanente Bildanalyse mit Hilfe einer Kamera und dem Computer relative Werte wie Farbverteilung und Bewegung (Kontrastveränderungen) aufzeichnen. Diese werden unmittelbar über ein Basis-Set von 4 Lichtscheinwerfern ausgegeben. Dabei werden die spezifischen Einstellmöglichkeiten sinngemäß eingesetzt: Für Farbverteilung gibt es je einen Roten, blauen und Grünen Scheinwerfer deren Helligkeit geändert werden kann. Je mehr Rot durch die Kamera erkannt wird, desto weniger hell ist der rote Scheinwerfer. Analog dazu die anderen Farben. Über starke Farbveränderungen im Bild reagiert der weiße Scheinwerfer mit entsprechender Blitzfrequenz. Wird keine Veränderung registriert ist die Frequenz 0, bei sehr viel Bewegung entsprechend höher (z.B. 10 Blitzlichter pro Sekunde)
Die Installation findet in einer weißen Umgebung statt, in welchem das Licht der Scheinwerfer reflektiert und gestreut wird. Wenn man diese weiße Umgebung in einem Raum platziert, so wird der Besucher nach dem Eintreten durch einen dunklen Gang geleitet, der störendes Licht von Außen absorbieren soll. Über dem Gang, durch den der Besucher zu der weißen Umgebung oder „weißen Raum“ gelangt, sind nicht sichtbar die Lichtscheinwerfer angebracht: Rot, Grün, Blau und Weiß (Flashlight). Die Kamera ist sichtbar gleich neben der Öffnung zum „weißen Raum“ angebracht. Sie nimmt ein ähnliches Bild auf, welches auch die betretende Person hat, wenn sie den „weißen Raum“ betritt.
Befindet und bewegt sich der Besucher durch den „weißen Raum“, so wird dies von der Kamera aufgezeichnet. Ein Computersystem errechnet dann die Aussteuerung für die Lichtscheinwerfer. Das Licht wird an den weißen Flächen reflektiert und erzeugt somit eine allgemeine Beleuchtung der Umgebung. Das Licht soll möglichst weit in dem Raum gestreut werden, da es auf eine allgemeine Umgebungsbeleuchtung ankommen soll. Der Besucher soll auf eine subtile Weise mit dem System, auf das „Unbefangene Sehen“ aufmerksam gemacht werden.

unbefangen_skizzen:

Benedikt Meyer
Juni 2002

EMAIL