rauschendes licht
die transformation von echtzeitdaten in eine interaktive lichtskulptur
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mischa kuball


Author:   wolfgang muench  
Posted: 28.03.2002; 07:29:41
Topic: mischa kuball
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aus: Kunstforum Band 110, November / Dezember 1990, Seite 420, MAGAZIN

PROJEKTE | JOHANNES STAHL | Im Sog der Megazeichen

LICHTINSTALLATION VON MISCHA KUBALL AM MANNESMANN-HOCHHAUS

DÜSSELDORF, 2.10.1990 - 13.11.1990


kuball_1.jpg: Megazeichen NO. I-IV. Courtesy Mannesmann AG Megazeichen NO. I-IV. Courtesy Mannesmann AG

Lichtzeichen am nächtlichen Himmel haben von jeher Interesse und Phantasie erregt - sie dienen als Zeichen höheren Wollens und regen die sie Sehenden zu Mutmaßungen an über das Wesen der Dinge, Sagengestalten oder dzu einem Blick in die Zukunft.

Für den Düsseldorfer Mischa Kuball ist das Arbeiten mit dem Medium Licht und vor allem dessen raumbezogener Wirkung ein zentraler Impuls. Schon vorangegangene Werkkomplexe kreisen um die Wechselwirkung von Licht und Architektur: Schnitte in schwarzem Papier hinterlassen, in Dias gerahmt und projiziert, Lichtspuren an Wänden; eine Serie von Installationen mit dem Titel "Deutsches Haus" thematisiert die Inszenierung von Architektur mittels Lichts, wie sie nicht nur die Nationalsozialisten praktizierten.

Während Kuball in diesen Arbeiten die traditionellen Vermittlungswege für Kunst beschritt, stößt sein neues Projekt "Megazeichen" in den Bereich der Öffentlichkeit vor. Das Hochhaus der Mannesmann AG am Düsseldorfer Rheinufer wird für sieben Wochen im Herbst Träger für Lichtzeichen. Das Konzept scheint einfach: Nachts bleibt in bestimmten Büros und Fluren das Licht an und formt auf der Fassade ein weithin sichtbares Zeichen. Dieses Zeichen wird wöchentlich durch ein anderes ersetzt, so daß sich erst im Ablauf der Aktion ein Gesamtprogramm ergibt.

Der hohe Kubus, der älteren flankierenden Verwaltunsggebäuden zugefügt wurde, hat in seiner modernen Architektursprache selbst schon eine bestimmte Signalwirkung, in der Ideen wie Solidität, Dynamik und Erfolg mitschwingen mögen. Im Gegensatz dazu verweigern Kuballs Zeichen einfache Deutungen. Die Anordnung der erleuchteten Fenster fußt auf Zahlenreihen und einer symmetrischen Aufteilung der Fassadenfläche; auf ein Motiv wie den zur Weihnachtszeit an gleichem Ort sichtbar werdenden schematisierten Christbaum oder ein programmiertes I Ging läßt es sich jedoch an keiner Stelle ein. Das "Megazeichen" stellt sich außerhalb des klassischen Zeichencodes, und das mit monumentaler Wirkung. Die Beleuchtung ändert sich zwar genau wöchentlich, scheint aber ansonsten Gesetzen unterworfen, die für den gewöhnlichen nächtlichen Passanten nicht zugänglich sind.

Was wird aus der Bedeutung dieses zentralen Hauses der Firma, die gerade hundert Jahre alt wird? Es verwandelt sich gewiß nicht nur zur zweckfreien öffentlichen Monumentalskulptur - immerhin prangt der Firmenname auch nachts gut erleuchtet auf dem Dach. Der Ort jedoch mit seiner öffentlichen Wirkung zur Stadt und zum Rhein hin (wo sich der Neubau des nordrhein-westfälischen Landtags erstreckt), das Gebäude und sein Name geraten in den Sog der leuchtenden Megazeichen.

Daß die Empfänglichkeit des Menschen für leuchtende Signale leicht benutzbar ist, steht außer Frage: Vom Stern von Bethlehem bis hin zum beruhigend bläulich schimmernden guten Stern auf Hochhäusern neben allen Straßen führt mehr als nur eine zufällige Ähnlichkeit. Barockaltäre, Lichtdome, Neonreklamen, Fackelzüge und ewiges Licht versuchen auf unterschiedliche, aber durchaus auch vergleichbare Weise, sich die "Strahlkraft" des immateriellen Mediums Licht zunutze zu machen.

Gerade im kühl inszenierten Wechselspiel von Licht und Dunkelheit, Arbeitszeit und Ruhephase, Masse und Raum versagt sich Kuballs Eingriff vordergründigen Botschaften oder antrainierbaren Symboliken. Er macht jedoch sensibel für die Wirkungsweise des nächtlichen Lichts in der Öffentlichkeit. Und angesichts der glänzenden Augen, die Lichterschein immer wieder hervorruft, ist seine Arbeit hochaktuell...

Zur Arbeit erscheint im Heinen Verlag Düsseldorf ein die Aktion dokumentierendes Buch.