Author:   Kevin Wells  
Posted: 30.06.2003; 14:24:09
Topic: ARCHIV - TOP03 - THEMEN/FRAGEN - 01
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Bea Winkler, “flight“, 2002,
Tusche auf Leinwand, 190x150cm





Ute Kistler, o.T., 2002, Öl auf Leinwand,
80x100cm

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Meisterschüler


Kunstakademien sind unzeitgemäße Institutionen. Hier haben sich Reste von Meister-Schüler-Verhältnissen erhalten, wie es sie sonst nur noch im deutschen Handwerk gibt. Aber um Handwerk, um goldenen Boden, geht es natürlich nicht an der Akademie, jedenfalls nicht allein. Es geht um geistige Arbeit, gute Einfälle, um individuelle Formerfindungen, die dennoch allgemeine Bildgültigkeit beanspruchen sollen – es geht um Inspiration. Inspiration in der Institution? Kann man Inspiration lernen? Immerhin ist eine Kunstakademie eine Lehranstalt, mit Lehrern. Und die Lehrer? Sehen die sich eher als Pädagogen oder als „freie“ Künstler? Professoren innerhalb der Institution Kunstakademie konnten sie nur werden, weil sie sich außerhalb einen künstlerischen Ruf, ein professionelles Renommee in der Kunstöffentlichkeit und auf dem Kunstmarkt, aufgebaut haben. Es gibt künstlerische Lehrer, die dieses Dilemma zwischen innerinstitutioneller Verantwortung und außerinstitutionellem Renommee gut balancieren können. Vielleicht müssen Studierende an einer Kunstakademie, bevor sie etwas (die Kunst?) lernen, zuerst zu unterscheiden lernen, ob und wie gut ein Lehrender diese Balance beherrscht. Dann kann die Kunstakademie, gerade weil sie so unzeitgemäß institutionelle Reste früherer Jahrhunderte beibehält, intensivere Begegnungen und Auseinandersetzungen ermöglichen, als der Betrieb von Universität oder Fachhochschule es vermag. Künstler sein ist ein unzeitgemäßer Beruf. Deshalb ist er so anstrengend – und so wichtig.



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