Author:   Kevin Wells  
Posted: 15.11.2002; 16:57:22
Topic: ARCHIV - WOHLTAT DER KUNST
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DIE WOHLTAT DER KUNST << zurückweiter >>

Cady Noland, »Eye candy«, 1993,
s/w Kopie, Klebeband, collagiert, 32,4 x 33 cm

Cady Noland

„There is a meta-game available for use in the United States. The rules of the game, or even that there is a game at all, are hidden to some. The uninitiated are called naive or provincial, liars or suckers ...“(1) Mit diesen Sätzen beginnt Cady Noland ihren 1992 im Zusammenhang der Documenta IX veröffentlichten Text „Towards a Metalanguage of Evil / Zu einer Metasprache des Bösen“. Ihre darin entwickelte Kritik am aktuellen gesellschaftlichen Zustand der USA prangert die allgegenwärtige Lust an Macht und Manipulation an. Als geheime Bibel dieser Haltung gilt ihr Machiavellis Traktat Der Fürst, als dessen moderne Übersetzungen Cady Noland etwa die Fernsehserien Dallas oder Dynasty versteht. Generationsübergreifend wird darin das Fernsehpublikum en masse in die Regeln eingewiesen. Das „Spiel“ selbst, das die Künstlerin beschreibt, ist eine Synthese aus unterschiedlichen Taktiken, die in der sozialen Arena angewandt werden, um letzten Endes vor allem seine eigenen Vorteile daraus zu ziehen; im Zentrum all dessen steht ein narzistischer Psychopath: der gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Held der 1980er Jahre: der „männliche Unternehmer“. Der aber ist ebenso Metapher für den Kunstbetrieb selbst mit seinen bedeutungsentleerten und zynischen Anpassungsstrategien. Mit ihrer Arbeit geht Cady Noland gegen die Kunst selbst vor und ist sich des eigenen Scheiterns bewusst.
Die Objekte und Installationen, die seit den 1980er Jahren in amerikanischen Galerien und Museen auftauchen, sind ein ästhetischer Störfall gegen die allgegenwärtige Erfolgsshow. Das Unbehagen, der Kollaps, die Katastrophe, die Cady Noland in Szene setzt, sind ihr Gegenentwurf. Ihre präzise angelegten Unorte werden zu Inszenierungen des gesellschaftlichen und politischen Dissens. Klar arrangierte Räume mit Begrenzungen, Sperren und Schranken aus hartem, kühlem Material, Spiegelkonstruktionen und beunruhigende Leerformen, an die der Betrachter stößt, zeichnen diese unheimlichen Orte aus. Durch kreisrunde Ausschnitte wie durch Einschüsse perforierte Porträts oder hart auf Metall abgezogenes und aus dem massenmedialen Verbrauch recyceltes Bildmaterial werden zum befremdenden Gegenüber, das uneindeutig bleibt. Als Gegenbilder setzt sie in paradoxer Weise bedrohliche wie populäre Anti-Ikonen ein. Fotografien von widersprüchlichen und beängstigend faszinierenden Figuren der zur Terroristin mutierten Magnatentochter Patty Hearst, des Mörders J.F. Kennedys, Lee Harvey Oswald, oder des psychopathischen Sektenführers Charles Manson werden zu Kunstwerken mit zum Teil bedrängender physischer Präsenz umfunktioniert. Noland implantiert in ihre Werke massenmediales Material von Individuen, die den Begriff des Bürgerlichen, des Establishments, massiv bedrohen.
Im Februar 1974 hatten Terroristen der Symbionese Liberation Army (SLA) die Enkelin des mächtigen Medienunternehmers William Randolph Hearst gekidnappt.(2) Im April gab Patty Hearst bekannt, sich der SLA anzuschließen, kurze Zeit später identifizierte man sie auf den Videoaufnahmen einer Überwachungskamera, die bei dem Überfall auf die Hibernia Bank in San Francisco aufgezeichnet worden waren. Die Nation war schockiert darüber, dass eine junge, gebildete Frau aus bestem Hause, plötzlich Bestandteil der terroristischen Szene und zur „negativen“ Story in den Schlagzeilen wurde. Patty Hearst fiel völlig aus jeder ihr bisher zugedachten Rolle. Von der SLA bekam sie den Spitznamen „Tanya“, in Anlehnung an Che Guevaras Gefährtin Tamara Bunke, und Gerüchte um eine Liebesaffäre mit einem der Terroristen wurden laut.
In einer Reihe von kleinformatigen Papierarbeiten Cady Nolands, die wie Studien oder Vorarbeiten zu ihren größeren Objekten erscheinen, ensteht ein komplexes Konglomerat aus Pressefotografien, Texten und Werbebildern. Diese Schwarzweißkopien von aus Medienmaterial zusammengesetzten Collagen zeigen neben den Porträts öffentlicher Personen – von der in die Watergate-Affäre als Informantin der Presse verwickelten Martha Mitchell bis hin zur Pop-Ikone Janet Jackson – auch alltägliche Konsumartikel und Waffen. Eine dieser kleinformatigen Kopien, die den Titel „Guns“ (1986/87), trägt, zeigt die Abbildung einer Pistole und daneben die Gebrauchsanleitung zu deren Ladevorgang. Das im Bild vorgeschlagene Ziel einer Diet-Pepsi-Dose verharmlost den Gebrauch von Waffen als legales Vergnügen. Auf einem Blatt von 1989 mit dem Titel Tanya erkennt man die beschnittene Kopie der Reproduktion eines Pressefotos der SLA, auf dem Patty Hearst mit Maschinenpistole im Anschlag als schöne, gefährliche Banditin posiert. Nachdem Patty – Tanya – Hearst über ein Jahr im Untergrund gelebt hatte – die Umstände sind bis heute ungeklärt –, wurde sie gefasst und saß nach einem spektakulären Prozess ihre Gefängnisstrafe ab, bis Präsident Carter sie endgültig begnadigte. Sie heiratete ihren Leibwächter, wurde Mutter von zwei Kindern und machte als Schauspielerin Karriere. Wer Patty Hearst wirklich ist, blieb auch nach ihrer 1982 veröffentlichten Autobiografie „Every Secret Thing“ offen. Auch in zahlreichen anderen Arbeiten hat sich Cady Noland mit dem Hearst-Komplex beschäftigt.
Ihr großformatiges Objekt „Not Yet Titled“ (bald Manson girls sit-in demonstration) zeigt die Aufnahme von jungen Frauen, die – in ähnlicher Weise wie Tanya – nur scheinbar selbstbewusst ihre Kritik und Verweigerung demonstrieren. Auf einer massiven Aluminiumplatte wurde der stark vergrößerte Abzug eines Pressefotos im Siebdruckverfahren aufgetragen, auf dem vier kahl geschorene junge Frauen auf einer Treppe sitzend zu erkennen sind. Die in Schreibmaschinen-Ästhetik über der Fotografie abgedruckte Bildlegende lässt wissen, dass sie Mitglieder der Manson-Sekte „The Family“ sind, die ihren Protest gegen die Festnahme und den Prozess gegen Charles Manson demonstrieren. Charles Manson hatte, von Verschwörungstheorien getrieben, in den 1960er Jahren nach dem Muster der terroristischen Zelle „Internationale Gemeinschaft“ seine Sekte „The Family“ gegründet. Deren Mitglieder stiftete er mitunter zu rituellen Morden an wie dem 1969 an der hochschwangeren Sharon Tate. Manson wurde zur satanischen Kultfigur extrem linker wie rechter politischer Bewegungen.(3) Mit von Scientology entlehnten Praktiken und durch LSD und Gruppensex unterstützt betrieb Manson die systematische Zerstörung des Selbstwertgefühls und der sozialen Identifikation der Mitglieder seiner Family, um sie so für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Es ist also die Frage, ob die Fotografie der jungen Frauen deren Überzeugung kund gibt oder nicht vielmehr das tragische Bild einer Selbstauslöschung ist. Figuren wie Hearst oder Manson bewegen sich außerhalb unserer Kultur und sind zugleich doch deren Teil, indem sie die Widersprüchlichkeiten des individuellen und kollektiven Identitätsbegriffes markieren – Cady Noland vergegenwärtigt dieses bedrohliche Moment in ihrer künstlerischen Arbeit.

1 „In den Vereinigten Staaten ist ein Meta-Spiel im Gange. Die Regeln dieses Spieles, mehr noch das Wissen, dass es ein Spiel gibt, werden einigen vorenthalten. Die nicht Eingeweihten werden als naiv oder provinziell bezeichnet, als Lügner oder Dummköpfe ...“ Übersetzt nach Cady Noland: „Towards a metalanguage of evil (1992)“, in: Documenta IX , Band 3, Kassel 1992, S. 410 ff.
2 Siehe zur Widersprüchlichkeit der Patty Hearst-Story und der Unklärbarkeit geschichtlicher Ereignisse: Edgar Arcenaux: „Alle Geheimnisse – Das nicht mehr auffindbare Jahr“, in: Ausst.-Kat.: „Prophets of Boom – Werke aus der Sammlung Schürmann“, Kunsthalle Baden-Baden, Köln 2002, S. 65–67.
3 Siehe John Miller: „Heil Hitler! Have a nice day – Politik des Hasses in den USA“, in: Marius Babias und Achim Könneke: Die Kunst des Öffentlichen, Berlin/Dresden 1998.


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