Author:   Kevin Wells  
Posted: 31.08.2002; 18:28:50
Topic: ARCHIV - SCHWARZWALDHOCHSTRASSE - THEMEN/FRAGEN - 02
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Karin Sander, Georg Winter 1:10, 1998
3D Bodyscan der lebenden Person
FDM (Fused Deposition Modeling), Rapid
Prototyping, ABS (Acryl-Butadien-Nityl-Styrol), Airbrush



Dieter Krieg, o.T., 1972/73, Acryl auf Overlaypapier
110 x 100 cm, Privatsammlung

Künstlernetzwerke in und aus Baden-Württemberg

Während die historisch zwei Landesteile mitunter ihre Landeseinheit befragen, haben die Künstler längst ein Netzwerk künstlerischer Beziehungen und geistiger Bezüge in und aus Baden-Württemberg als Ganzes geschaffen. Dieses Netzwerk wird in der Ausstellung als lebendiges System gezeigt, als ebenso anschlussfähiges wie entwicklungsoffenes Gebilde.

Hier setzt die Ausstellung »Schwarzwaldhochstraße« an. Künstlerische Praxis ist immer zweiseitig. Sie ist verwurzelt in einer konkreten, durchaus regional geprägten Mentalität und zugleich überschreitet sie immer diese mentale Verortung forschend und experimentell. Kunst hat eine Brückenfunktion – sie bindet das baden-württembergische Kulturgeschehen an das nationale und internationale Kunstleben an und bringt umgekehrt aktuelle internationale Fragestellungen in die Diskussionen und Debatten Baden-Württembergs ein. Die Ausstellung »Schwarzwaldhochstraße« zeigt einen aktuellen Rundblick durch das Netzwerk der Kunst in und aus Baden-Württemberg. Ohne enzyklopädischen Anspruch belegt die Ausstellung, wie intensiv die Bildende Kunst den geistigen Austausch praktiziert.



KOMMENTARE

Viele junge baden-württembergische Künstlerinnen und Künstler arbeiten zurzeit außerhalb der Landesgrenzen. Ein Fluchtsymptom? Oder ein Zeichen der Ausstrahlung der baden-württembergischen Kunstszene über die Landesgrenzen hinaus?


»Eher ein Fluchtsymptom. So wie viele seit den 90er Jahren unter anderem auch aus dem Rheinland nach Berlin gegangen sind, da dort die Atmosphäre eher auf Aufbruch und Erneuerung stand.«
Valeria Liebermann, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K21)

»Aufbrechen zu neuen Ufern einschließlich Ortswechsel erscheint mir als ein unerläßliches Gebot im Zeitgeist der Globalisierung, von der man viel Positives liest und hört.«
Andreas Franzke, ehem. Rektor der Kunstakademie Karlsruhe

»Die Frage ist in mehrfacher Hinsicht zu eng gefasst. Die Landesgrenzen sind ein politisches Konstrukt, das an einzelnen Stellen mit gewachsenen sozialen und kulturellen Besonderheiten korreliert, an anderen nicht. Innerhalb dieses Rahmens wird im Zusammenhang mit den diversen europäischen Regionalismustendenzen seit einigen Jahren verstärkt der Begriff einer baden-württembergischen Identität eingesetzt und instrumentalisiert. Der Regionalismus zeigt allerdings ein doppeltes Gesicht: Einerseits schützt er das Eigenständige und Autochthone gegen Egalisierungsprozesse der modernen Zivilisation, andererseits kann er zu einer Art geschrumpfter Nationalismus und somit zu Selbstbezogenheit, Selbstüberschätzung oder geistiger Abschottung nach außen führen.
Da es nun in Baden-Württemberg noch nicht so weit gekommen ist, dass man vor lauter &Mac221;Ländle&Mac220; keine anderen Länder mehr sieht, haben die Künstler auch keinen Anlass, wie weiland Friedrich Schiller aus ihrem Württembergischen (respektive badischen) Wohnort zu fliehen. Wenn sie es dennoch vielfach vorziehen, nach Beendigung des Studiums in eine Metropole wie Berlin, London oder New York zu übersiedeln, so ist das mithin kein Fluchtsymptom, sondern Ausdruck der gewandelten Verhältnisse.
Die Kunst ist längst internationalisiert, wobei sich die Internationalisierung seit dem Niedergang des Kommunismus aus dem Schatten des Kalten Krieges herausbewegt und es Ansätze gibt, die Dichotomie in Ost- und Westkunst ebenso zu überwinden wie zähe und langlebige post-kolonialistische Wahrnehmungsstrukturen. Dabei geht das Aufgeben eines westlich fixierten Blickwinkels einher mit den wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre: Auch die Kunst wird globalisiert. Setzt man Künstler mit Unternehmen gleich, so heißt das nach einer heute gängigen Terminologie: Sie machen sich mit ihrem Umzug &Mac221;fit&Mac220; für einen weltumspannenden Markt (und/oder Kontext). Immerhin korreliert der reale Warenaustausch mit dem intellektuellen Diskurs: Nur wenn dieser – und sei es als Widerspruch– mit den avancierten internationalen Positionen kompatibel ist, hat er eine Chance wahrgenommen zu werden. Andernfalls bleibt er regionales Rauschen.«
Michael Hübl, Kunstkritiker, Karlsruhe

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