Author:   Kevin Wells  
Posted: 31.08.2002; 18:10:30
Topic: ARCHIV - SCHWARZWALDHOCHSTRASSE - AUSBLICK
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AUSSTELLUNGEN AUSBLICK

Tracy Moffett

DIE WOHLTAT DER KUNST
Postfeministische Positionen der Neunziger Jahre
aus der Sammlung Goetz

14. September – 10. November 2002

Eröffnung: 13. September 2001, 19.00 Uhr
Pressekonferenz: 13. September 2001, 11.00 Uhr


Wie kein Jahrzehnt zuvor sind die Neunziger durch die offensiven und mit ihrem analytischen Blick wenig prüden Werke junger Künstlerinnen geprägt. Gibt es also eine postfeministische Perspektive in der Kunst der neunziger Jahre und wie ließe sich dieser Begriff am Werk festmachen? Inwiefern haben sich die künstlerischen Umsetzungen gesellschaftlicher Phänomene im Verhältnis zum tradierten emanzipatorischen Ansatz des Feminismus, der als eine der einschneidensten gesellschaftliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts gelten kann, in den neunziger Jahren verändert? Welche Modelle einer Positionsbestimmung entwickeln junge Künstlerinnen und Künstler in der kapitalistischen Gesellschaft der neunziger Jahre als eine Gegenperspektive zur repressiven Toleranz der Massenmedien? Manifestieren sich utopischen Gedanken in dieser künstlerischen Selbstbehauptung? Und wie spiegelt sich eine dem entsprechende Zeitgenossenschaft im Sammlungsverhalten und dem Profil einer Sammlung, wie bildet sich die Physiognomie einer Sammlerin in der Sammlung selbst ab? Die Frage nach einer postfeministischen Perspektive und der Charakteristik eines Sammlungsmodells, sind die beiden Grundmotive denen das Projekt „Die Wohltat der Kunst“ in einer Kooperation der Kunsthalle Baden-Baden und der namhaften Sammlung Goetz nachgeht.

Die Ausstellung “Die Wohltat der Kunst” widmet sich vorrangig Positionen junger europäischer und amerikanischer Künstlerinnen. Dass neben international renommierten Künstlerinnen auch die Positionen dreier Künstler aus der Sammlung Goetz integriert sind, demonstriert nicht zuletzt, dass die ideologische Strenge des Feminismus längst von differenzierteren Identitätsbefragungen von Rollenklischees und Geschlechterbildern abgelöst wurde. Zu sehen sind Zeichnungen und Malerei, Fotoarbeiten, Videos und Installationen von Mattew Barney, Barbara Bloom, Rineke Dijkstra, Tracey Emin, Mona Hatoum, Jonathan Horowitz, Sarah Jones, Mike Kelley, Rachel Khedoori, Karen Kilimnik, Sarah Lucas, Tracey Moffatt, Cady Noland, Catherine Opie, Pipilotti Rist, Cindy Sherman, Ann-Sofi Sidén, Sam Taylor-Wood, Gillian Wearing, Sue Williams und Andrea Zittel. Mit einem kritischen Bewußtsein für den eigenen Mediengebrauch analysieren die Künstlerinnen und Künstler individuelle wie gesellschaftliche Zustände, wodurch zugleich die neueren künstlerischen Medien der Fotografie und des Videos im Mittelpunkt stehen. In dieser Hinsicht knüpfen zahlreiche Werke an konzeptuelle Strategien der Kunst der sechziger und siebziger Jahre an.

In seinem zweiten Hauptaspekt bezieht sich das Projekt „Die Wohltat der Kunst auf das Profil der Sammlung Goetz selbst. Durch die künstlerischen Auseinandersetzungen hindurch werden sowohl das persönliche Erkenntnisinteresse der Sammlerin Ingvild Goetz wie gesellschaftliche Prozesse reflektiert und interpretiert. Ingvild Goetz, zuvor engagierte und erfolgreiche Galeristin, wendet sich in den achtziger Jahren vom Kunsthandel ab und dem intensiven Sammeln von Kunst zu. Im Übergang vom Kunsthandel zur privaten Sammlung verwandelt sich das Kunstwerk von der Ware zum

Gegenstand eines „interesselosen“, informierten Sammelns, das sich der Wirklichkeitsdeutung zuwendet. Für das eigenwillige Profil ihrer hochkarätigen Sammlung wurde Ingvild Goetz im vergangenen Jahr mit dem 'Art Cologne Preis' des deutschen Kunsthandels ausgezeichnet. Die umfangreiche Kollektion internationaler zeitgenössischer Kunst wird heute in eigenen, kuratierten Ausstellungen in den Räumen der Sammlung Goetz in München präsentiert.

In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden knüpft die Ausstellung „Die Wohltat der Kunst“ an verschiedene Projekte der vergangenen Jahre an. Bereits in der großen Werkschau zu Cindy Sherman, die 1997 an der Kunsthalle zu sehen war und in dem 2000 realisierten Projekt „Die verletzte Diva“ waren eindringliche Modelle einer Befragung des kulturellen und gesellschaftlichen Status Quo präsentiert worden, die etwa den Körper als Projektionsfläche kultureller Klischees thematisiert haben. In dem Projekt „Die Wohltat der Kunst“ setzt sich die Frage nach den emanzipatorischen Aufbrüchen in künstlerischen Modellen und deren Modernismuskritik in Verbindung mit einer „feministischen“ Perspektive fort.

In den exemplarischen Selbsterforschungen, in denen die Künstlerin stellvertretendes Subjekt ist und in der Auseinandersetzung mit einem personalen wie medialen Gegenüber wird das Werk zum Ort der Konfrontation, der immer auch eine Positionsbestimmung des Betrachters herausfordert. Neben Klassikern der dekonstruktivierenden Selbstinszenierung von Cindy Sherman, sind Fotoarbeiten wie Sarah Lucas‘ „Portrait with eggs“, oder Tracey Emins Ich-Demonstrationen in Videoarbeiten wie „Why I Never Became a Dancer“ oder „The Interview“ zu sehen, in denen die Künstlerin die Konstruktion der eigenen Identität untergräbt und sich dabei in unterschiedlicher Weise in Bezug zum Raum setzt. Während Cady Noland das weibliche Portrait in „Tanya“ verkehrt in das „fremde“ Modell des männlichen Revolverhelden zeigt, verweigert etwa Jonathan Horowitz das Portrait als Akt der Beschränkung. Wenn Sarah Jones junge Frauen im Identitätsvakuum ihres privaten elterlichen Ambientes aufnimmt, das eigene Definitionen ausschließt, verzeichnen Rineke Dijkstras Fotoarbeiten und Videoinstallationen das fragile Experimentieren junger Club-Besucherinnen mit Rollenklischees der Erwachsenenwelt. Psychologische Zwangsräume sind in Objekten und situativen Installationen erfahrbar, wie sie Mike Kelley oder Mona Hatoum entwickeln. In dem Wandel des künstlerischen Diskurses einer jüngeren Generation mit ihren selbstbewußten, ebenso persönlichen wie soziologischen Untersuchungen zeichnet sich auch der Wandel einer feministischen Kritik hin zu differenzierteren Genderstudies ab.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit zwei Essays, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Analyse einer Neupositionierungen künstlerischer Arbeiten gegenüber den Rollenzumutungen und Sozialisationsbedingungen junger Erwachsener in den neunziger Jahren beschäftigen. Darüber hinaus enthält die Publikation Abbildungen und Kommentare zu allen ausgestellten Werken, wie auch ein Interview, das Matthias Winzen mit der Sammlerin Ingvild Goetz zur Charakteristik und den Schwerpunkten ihrer Sammlung geführt hat.


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