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inactiveTopic ARCHIV - PROPHETS OF BOOM - THEMEN03 topic started 25.06.2002; 15:32:33
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user Kevin Wells - ARCHIV - PROPHETS OF BOOM - THEMEN03  blueArrow
25.06.2002; 15:32:33 (reads: 6966, responses: 0)
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Hans Niehus, Wo Terroristen Weinen,
2000, Aquarell, 48 x 36 cm

Künstlerische Bildkritik

Anders als noch in den späten sechziger Jahren bestimmen nicht mehr der Text, die Diskussion, die begriffliche Analyse des Leitartikels die öffentliche Meinung. Argumentiert wird auf der Ebene des Bildlichen, die zur beliebigen Aneignung und Interpretation freigegeben ist. Es sind die Bilder der Medien, die kollektive Vorstellungen schaffen. Auffällig ist, wie wenig diese suggestiven Imagines und Piktogramme rational entschlüsselt werden.

Wie Märchen und Legenden früher in einem Umfeld von weitgehendem literarischem Analphabetismus entstanden, so stützt sich die mystifizierende Macht des veröffentlichten Fotos heute auf einen innerhalb und außerhalb des Pressesystems weitverbreitenden visuellen Analphabetismus. Zu erkennen ist der visuelle Analphabetismus unter anderem an der ebenso unpräzisen wie humorlosen Art, wie Fotos und Filmaufnahmen als Belege, Beweise oder Illustrationen in den Medien funktional eingesetzt und rezipiert werden.

An dieser kritischen Stelle setzen die Künstler ein, die Wilhelm Schürmann für einen assoziativen und real räumlichen Rundgang in der Kunsthalle versammelt hat. Die Werke von Edgar Arceneaux, Sam Durant, Zoe Leonard, Richard Hamilton, Hans Niehus, Cady Noland, Albert Oehlen, Raymond Pettibon, Johannes Wohnseifer u.a. machen die haarfeinen Risse der Medieninszenierungen deutlich, zeigen die nachrichtenuntauglichen Widersprüche, entfalten das situativ Lächerliche als Zeichen des Uneindeutigen, das weder durch heroischen Moralismus noch durch faktische Information erledigt werden kann, sondern schlicht zum Weiterdenken und genauen Beobachten motiviert. Die zeitgenössische Kunst, nicht die Presse, ist heute der Bereich, in dem das Scheindokumentarische aller Pressefotografie reflektiert wird, der Bereich, in dem kollektiv prägende Bilder tatsächlich einer Kritik unterzogen werden, der Bereich, in dem Bilder ebenso humorvoll wie gewissenhaft und genau betrachtet werden.


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