Author:   Kevin Wells  
Posted: 25.06.2002; 15:31:29
Topic: ARCHIV - PROPHETS OF BOOM - THEMEN02
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Hans Niehus, Seien wir realistisch,
versuchen wir das Unmögliche, 1998,
Aquarell, 48 x 36 cm


Das Wandern der Bilder -
Morphing als gesellschaftspolitische Realität


Ché Guevara erscheint in den siebziger Jahren in erhabener Pose auf zahlreichen politischen Plakaten als Symbol politischer Moral, stilisiert zur Ikone. Zunehmend trennt sich diese Ikone aber dann von ihrem Kontext, indem Chés Konterfei popularisiert wird. Der charismatische, revolutionäre Erlöser wird zum T-Shirt-Bestseller und modischen Accessoir. Wollte Ché die Revolution in Bolivien, so zielt sein über IKEA-Regalen neben Mahatma Gandhi und den Beatles plazierter Kopf häufig nur auf die Revolution im elterlichen Wohnzimmer. Dass infolge dieser Entwicklung Versuche der Remoralisierung nicht einer unfreiwilligen Komik entbehren, zeigt die an sich tragische Flugzeugentführung der „Landshut“ 1977. Die Palästinenser, die in Deutschland inhaftierte RAF-Mitglieder freipressen wollen, nehmen die Popikone Ché blutig ernst, indem sie in Ché-T-Shirts, die sie in Mallorcas Strandboutiquen kauften, Mord und Terror begehen.

Politik, öffentliche Moral und Mode vermischen sich, sie werden entgrenzt. Das eine wird durch das andere propagandistisch und populär öffentlich gemacht. Das Prinzip des Morphings, der organisch-gestalterischen Verwandlung am Computerbildschirm, gerät zur gesellschaftspolitischen Realität. Die unterschiedlichsten Teilbereiche von Öffentlichkeit und Gesellschaft werden zueinander in Beziehung gesetzt oder gezwungen und damit entdifferenziert. Infotainment ersetzt Kritik.



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