Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:43:16
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 26
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

STEPHAN BALKENHOL

Der 1957 in Fritzlar geborene Bildhauer Stephan Balkenhol arbeitet seit den achtziger Jahren an eigentümlich nahen und zugleich fernen menschlichen
Gestalten. Auch tummeln sich Löwen, Stiere, Nashörner, Giraffen, Hühner, Pinguine und Seehunde in seiner (Kunst-)Welt, die Ende der siebziger Jahre nach den Desillusionen und
Reflexionen von Minimal Art und Concept Art kaum noch möglich schien.
Aus einem Stamm mit suchend formgebenden Beilhieben geschlagen, erscheint auf mittelhohem Sockel ein zweiköpfiges Wesen mit festem Stand. Aus dem Körper eines Löwen wachsen zwei Hälse, die in hundeartigen Häuptern enden. Der eine fletscht die Zähne, der andere scheint gespannt und still zu lauern. Flügel an den Seiten vollenden das Mischwesen aus dem Jahr 1992, das seine Ahnen unter den mittelalterlichen Grotesken gotischer Kirchen
findet. Fest in der gestalterischen Struktur, doch eher Skizze als klassisch durchgeformt, zeigen sich die Arbeiten werkgerecht gegenüber dem Material und dem Herstellungsprozeß – entfernter Nachhall der minimalistischen Ana-
lyse seines Lehrers Ulrich Rückriem.
Balkenhol: »Ich will alles auf einmal: Sinnlichkeit, Ausdruck, aber nicht zuviel, Lebendigkeit, aber keine oberflächliche Geschwätzigkeit, Momentanität, aber keine Anekdote, Witz, aber keinen Kalauer, Selbstironie, aber keinen
Zynismus. Und in erster Linie eine schöne, stille, bewegte, viel- und nichts-sagende Figur.« Zwischen materialer Konkretion und erzählend realistischer Illusion wird die im Konzeptualismus der sechziger und siebziger Jahre scheinbar verloren gegangene Magie des Bildwerks erprobt, die nach der Kraft des statuarischen Bildwerks fragt, ohne
illustrierende Antworten zu versuchen. Funktioniert im spätmodernen Zeitalter von High-Tech-Rakete, Klimakatastrophe und Atomkraft-GAU ein Drache noch als Skulptur? Dabei geht es Balkenhol nicht um die Darstellung des Schrecken erregenden Grauens, sondern um die metaphorisch zeichenhafte Umdeutung einer mittelalterlichen Bildfindung.
Das Mischwesen, das über die Evolution hinausgeht, könnte unversehens als aktueller Beitrag zur Genmanipulation erscheinen, als monströse Vervielfältigung, als Produkt der Fantasie, als Ausdruck von gegenwärtiger und kommender Angst. »Die Figur soll über sich hinauswachsen, über sich und über andere Dinge erzählen, ohne sich zu verrenken und Grimassen zu schneiden. Vielleicht ist das ja das religiöse Element.« (Balkenhol) DT

Stephan Balkenhol: Über Menschen
und Skulpturen. Kat. Witte de With
Rotterdam, Ostfildern 1993



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