Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:41:58
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 28
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

MAX ERNST

»1906 Der Vogelobre Hornebom. Ein Freund namens Hornebom, ein kluger buntgescheckter treuer Vogel stirbt in der Nacht; ein Kind, das sechste in der Reihe, kommt in selbiger Nacht zum Leben. Wirrwarr im Hirn des sonst sehr gesunden Jünglings. Eine Art Ausdeutungswahn, als ob die eben geborene Unschuld, Schwester Loni, sich in ihrer Lebensgier des lieben Vogels Lebenssäfte angeeignet hätte.« So beschreibt Max Ernst (geboren 1891 in Brühl, gestorben 1976 in Paris) in seiner Autobiographie frühe Erinnerungen an die Vermengung zwischen Mensch und Vogel. Mischwesen bevölkern geradezu obsessiv das Werk bis in die späten Jahre. Für seinen Roman »Une semaine de bonté« (1934) benutzt Ernst Illustrationen aus Zeitschriften des 19. Jahrhunderts. Die halluzinatorische Kraft vorgefundenen Bildmaterials führt Max Ernst seit Dezember 1919 zu einer Erkundung des »Inventars«. Durch systematischen »Widerspruch« analysiert er Standards reproduzierter visueller Wahrnehmung im Bezug auf die menschliche Psyche. Nach surrealistischer Methode sucht er »Annäherung von zwei (oder mehr) scheinbar wesensfremden Elementen auf einem ihnen wesensfremden Plan, die die stärksten poetischen Zündungen provoziert«. Hier erscheint der Mann löwenköpfig, dort wandelt er sich zum Reptil, dann wieder wird er zu einem Mischwesen, halb Mensch halb Vogel. Er steht für die tierische, über die menschliche Vernunft hinausgehende unheimliche Macht in Politik und Sexualität. Gleichzeitig entfaltet sich der Werkzyklus »Loplop présente«. Hauptthema der teils als Collage, Gemälde oder auch als Grafik ausgeführten Arbeiten ist ein Vogelwesen, das im Bild Bilder darbietet. Es ist eine eigene Form des Selbstporträts, »der Künstler in der dritten Person« (Werner Spies), sein Alter Ego. Loplop zeigt »Muschelblumen«, die »schöne Jahreszeit«, auch »Leichtigkeit«, »Vipern« oder »Eiche«. Er ist manchmal schlecht gelaunt, wandelt sich, einem apokalyptischen Wesen gleich, zum »Hausengel«. Er steht als Mutation von »fluguntüchtigem Archaeopterix und Elefant Celebes« (Spies) programmatisch für die surrealistische Malerei. Loplop ist »L’Intérieur de la vue«, das Innere Gesicht, das Innere des Sehens der aus dem Unterbewußten hervorbrechenden Bilder.
Er ist die Repräsentationsfigur zum Bildprozeß, öffnet sich hier doch der unendliche Raum »jenseits der Malerei«. DT

Werner Spies, Max Ernst: Collagen –
Inventar und Widerspruch. Köln 1974



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