Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:41:14
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 21
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

SALVADOR DALI

»Meine Liebe geht durch die Seele, meine Erotik durch das Auge.« Altmeisterlich gezeichnet und gestochen reiht sich Kopf an Genital in lustvollem Reigen um die nackt mit gesenktem Haupt erscheinende Frau. Die Säfte der Lust strömen, es trieft allenthalben, doch mit eigentümlicher Distanz. Das Buch »Les métamorphoses érotiques« (1969) von Salvador Dalí (geboren 1904 in Figueras, gestorben 1989 ebenda) ist weniger ein Lehrbuch sexueller Animation als ein Orbis pictus der erotischen Metamorphose einer in belehrenden Bildern systematisierten Welt. Die Bilder sind zwei Übermalungen einer altertümlichen Lehrbuchillustration, die Dalí seiner paranoisch-kritischen Methode unterzogen hat. Hier die Fantasie sodomitisch sündiger Lust, dort die Transformation eines sinnlich brutal sich aufdrängenden Gesichts.
In mehr als sechzig Seiten entfaltet sich eine erotisierte Welt aus Lichtdrucken, reproduzierten Zeichnungen, Gemälden und eksaltierten Überarbeitungen. Der metamorphotische Blick amalgamiert alles: von Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs über Früchte bis zu Löwe und Schaf und den zahllosen nahen und fernen Verwandten des homo sapiens. All dies kann die Sinne als libidinöse Sensation affizieren. Den Einsichten, die Sigmund Freud in das Unbewußte des Menschen eröffnet hat, gibt Dalí bildliche Anschaulichkeit.
Sexuelle Lust zeigt Dalí als Tierähnlichkeit des Menschen, nur um letztlich tierischen und menschlichen Trieb scharf zu trennen. Das Buch ist nur für die Gier des Auges gemacht, als Ort sinnlicher Imagination, denn, so schreibt Salvador Dalí, »(...) die erhabene Perversion und die schärfste Lust, die, die meine Lippen verzerrt und von den Zähnen zieht, ist die jähe Vereitelung des Begehrens, der unerwartete Stillstand, die Niederlage. (...) Ich meine heute, daß meine Erotik nicht ohne Verbindung zu dem alten Einfluß der Katarer ist, zur Mystik der Troubadoure und der höfischen Liebe, zu den Genüssen des Nichtvollzugs, den Vergeistigungen des Akts durch Entzug, dem Wiederaufsteigen der Kräfte des Orgasmus zum Gehirn, der Umkehrung des Stroms und der dadurch hervorgerufenen Erleuchtung des Gehirns. (...) Große intellektuelle Orgasmen, die von einem greifbaren Fast-Nichts ausgehen. Die Begierde als verwandelter Wert: der Koitus, verinnerlicht, der auf die Spitze des Pinsels zurückstrahlt.« DT

Karin von Maur (Hg).: Salvador Dalí 1904–1989. Kat. Staatsgalerie Stuttgart 1989


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