Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:38:36
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 17
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

ELISABETH HAUTMANN

In »Herr und Hund«, einem kleinen Prosastück von 1919, beschreibt Thomas Mann in anrührend persönlicher Sprache das private Leben mit seinem Hund Bauschan. Es sind feinsinnige Beobachtungen der Wahrnehmung und des Verhaltens des Tieres, aber auch des Einflusses auf das Herrchen selbst. Gerade das Gegenteil unternimmt der australische Soundpoet Chris Mann in seinem Radioprojekt »Hundegeschichten«, realisiert 1989 für die »Ars electronica«. In lokalen Radiostationen wurden Zuhörer aufgefordert, ihre Hundegeschichten zu erzählen. Chris Mann war am Immergleichen solcher Geschichten interessiert: »Die Hundegeschichten sind eine Untersuchung von Versionen eines Themas. Es geht um die Ähnlichkeiten, um Muster. Hundegeschichten sind ähnlich wie Couplets oder einfache Gedichtformen oder Schulstundenpläne.«
Irgendwo dazwischen verortet sich die Situation, die Elisabeth Hautmann (geboren 1960 in Neustadt) mit ihrer Installation »Ohne Titel« von 1995 entstehen läßt: Vor einem Tisch mit zwei Stühlen sitzt ein Rauhaardackel mit erhobenen Vorderpfoten und bettelt. Ein Projektionsraum, der sowohl bekannte Muster in Erinnerung ruft, als auch für subjektive Erzählungen und Stimmungen offen bleibt. Der Dackel, der vor dem Tisch bettelt, bettelt ins Leere. Niemand sitzt auf dem Stuhl, nichts liegt auf dem Tisch – der künstliche Ort bleibt frei für jede mögliche zwischenmenschlich/tierische Beziehung. Sowohl in der professionellen wie in der Alltagspsychologie steht der Hund für Triebe und Triebzügelung,
für Gefühle und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Zuneigung und Gehorsam. Ein ausgestopfter Dackel dient Hautmann dazu, über Menschen zu sprechen.
Elisabeth Hautmann läßt häufig Innenraumsituationen entstehen, die eigentlich psychologische Räume sind und persönliche Verfassungen, Familien- und Generationsgeschichten spiegeln. In »Passion and the Interest« von 1996 etwa ist ein Detail das »Jagdzimmer«: Ein schwerer Schreibtisch, mit Chefsessel, hinterlegt von einer eindrucksvollen Galerie von Geweihen; ein Gewehr lehnt an einem halbhohen Schrank, Reh- und Wildschweinfelle rings auf dem Boden; ein zweiter Stuhl steht vor dem Schreibtisch und läßt die Situation eines Verhörs assoziieren. Mit wenigen prägnanten Objekten rekonstruiert die Künstlerin »private« Orte, deren Psychologie, Soziologie und Symbolik. Tierisches verweist auf Menschliches, die Beziehungen zueinander sind in beider Überresten eingefroren. DE



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