Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:35:46
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 13
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

William Wegman

WILLIAM WEGMAN

William Wegmans Zusammenarbeit mit Weimaranern begann 1970 mit ersten Videos. Seit 1978 fotografiert Wegman (geboren in Holyoke, Massachusetts, lebt in New York) die Hunde in sorgsam arrangierten, theatralischen Szenen. In bedingungsloser Loyalität halten sie in allen möglichen und unmöglichen Posen still – wie von Marionettenfäden geführt. Wegman kennt seine Hunde (»every dog is an individual«), er weiß, wie weit er gehen kann (»don't tell anyone how easy this is«), und man wundert sich über die verkehrte Welt seiner Bilder: Er bemalt die Hunde, verdeckt sie unter Fellen, maskiert und verwandelt sie chamäleonartig – mal zum Frosch mit Kulleraugen und Schwimmflossen, mal zum Elefanten mit Stoßzähnen und gestricktem Rüssel.
Die Camouflage, das Spiel mit Identitäten, führt immer wieder über das Tierreich hinaus. Wegman wirft die Vierbeiner in Robe und stellt sie entsprechend gekleideten Menschen als Partner zur Seite. Die Ähnlichkeit – zentrale Idee seiner Arbeiten – ist durch die Verkleidung pointiert, das Verschiedene fügt sich zu befremdenden Einheiten (»I like things that fluctuate«). Auf kaschiertem Hocker sitzend, scheint die Hündin in den aufrechten Gang erhoben: »That made the power of that image, the anthropomorphic image, more ascertive and less
silly.« Grundsätzlich bemüht, jede Lächerlichkeit zu vermeiden, nähert Wegman Haltung und Ausdruck im Rollenspiel so weit an, daß die in »Becoming« (1990) gezeigte Metamorphose nur konsequent erscheint. In einem Dreischritt sehen wir eine Frau im Abendkleid neben einem Hund, die dann fotografisch übereinander geblendet und schließlich vollends zu einem Zwitter verschmolzen werden. Am Ende des pseudonarrativen Prozesses posiert die synthetische Hundefrau als elegantes Mischwesen. Die Glaubwürdigkeit der Fotografie als Medium der Wirklichkeitserfahrung wird damit vollends fraglich. Die Realität verschwimmt, erweist sich als undurchdringliche Oberfläche, der wir unsere Erwartungen durch Dressurakte und Projektionen auferlegen. FE

Martin Kunz (Hg.): William Wegman – Malerei, Zeichnung, Fotografie, Video. Kat. Luzern/ London/ Amsterdam/ Frankfurt a.M./ Paris/ New York/ Boston/ Florida, Köln 1990


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