Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:34:25
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 15
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

JOCHEN LEMPERT

Jochen Lempert (geboren 1958, lebt in Hamburg) ist ausgebildeter Biologe. Seine Fotokunst-Arbeiten wie die »Physiognomischen Versuche I« bewegen sich zwischen Wissenschaft und Kunst. Der Titel deutet einen offenen Prozeß an, eine erste Versuchsreihe mit Gesichtern uns mehr oder weniger bekannter Tiere. Der Fotograf greift hier die Methoden des Forschers auf – das vergleichende Betrachten, die Inszenierung naturhistorischer Kabinette. Aus dem reichen Fundus der Biodiversität nimmt er einige Exemplare, um
sie aus der Nähe zu besehen. Zugleich aber entzieht er diese dem ordnenden Zugriff des Naturforschers. Die unkonventionelle Gruppierung folgt nicht tierphysiologischen Kriterien. Vielmehr zielt die Recherche auf die menschliche Wahrnehmung des Tieres, die Physiognomie, so wie wir sie 'lesen'.
Fische, Vögel, Affen und immer
wieder Hunde, Schafe und Schlangen, heimische und exotische, Haus-, Nutz- und wilde Tiere blicken uns aus den Fotos heraus an. Unweigerlich fühlen wir uns als ihr Gegenüber angesprochen. Die 'malerische' Bearbeitung des Fotomaterials, Unschärfe-Effekte und gewölbtes Papier vermitteln subjektive Nähe und Porträthaftes. Wir fühlen
uns dabei ertappt, Tiere nicht nur als Gattungswesen, sondern als Individuen anzusehen: Wie beim Blick in ein Menschengesicht reagieren wir mit Sympathie oder Antipathie, wenn nicht sogar mit konkreten Charakterurteilen. Nach einer Art »natürlicher Physiognomik« (Hegel) schließen wir mit unserem Alltagsverstand von der äußeren Erscheinung auf ein »Inneres«. Wie spekulativ diese Lektüre des Gesichts als Spiegel der Seele ist, offenbart Lemperts Zusammenstellung. Die Fülle unterschiedlicher Gesichter läßt uns zögern. Vorrationale Zugänge – vermittelt etwa durch das Kindchenschema, das hier ein Rüssel, dort ein zu großer Mund stört – werden irritiert. Der zweite Blick offenbart das Ausmaß an menschlicher Projektion, das unsere alltäglichen Tierbilder prägt.
Diese anthropozentrische Deutung des Tiers weist auf eine lange Tradition der Physiognomik als moralisierender Charakterkunde. Seit ihrer Frühzeit war die Fotografie hierfür bevorzugtes – in Kriminologie und Rassentheorie mißbrauchtes – Instrument. Giambattista Della Porta, einer der ersten Physiognomen, erfand Ende des 16. Jahrhunderts die Camera Obscura. FE

Jochen Lempert – 365 Tafeln zur Naturgeschichte. Kat. Bonn/Freiburg 1997;
Claudia Schmölders: Das Vorurteil im Leibe – Eine Einführung in die Physiognomik. Berlin 1995



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