Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:32:19
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 10
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

EADWEARD MUYBRIDGE

1873 erhielt Eadweard Muybridge (Kingston-upon-Thames, 1830–1904) seinen wohl wichtigsten Auftrag von Leland Stanford. Der ehemalige Gouverneur von Kalifornien wollte beweisen, daß Pferde in einer Phase des Galopps mit allen vier Beinen in der Luft schweben. Bei Experimenten mit kürzester Belichtungszeit gelang Muybridge, der als Landschaftsfotograf Karriere gemacht hatte, ein Foto, das tatsächlich ein Pferd in voller Bewegung zeigt.
Später erhielt er eine ganze Serie von Negativen, indem er das Pferd über verspannte Fäden mehrere Kameraverschlüsse auslösen ließ. Muybridge (»The Horse in Motion«, 1878) zerlegte den Bewegungsablauf in eine Folge von Einzelmomenten, was als Wahrnehmungssensation wirkte. Die Aufnahmen waren unglaublich, da sie den gewohnten Kunst-Posen, in denen Bewegung zum Bild synthetisiert wurde, widersprachen und auch die eigene Anschauung verunsicherten. (Um die Einzelbilder wieder zur Illusion eines Pferdegalopps zu verschmelzen, projizierte er sie schließlich auf eine Leinwand – »die Bilder hatten Laufen gelernt«, Beaumont Newhall, 1937).
Eine vergleichbare Irritation erfuhr auch das Menschenbild durch die Fotografie: Stereoskopische Ansichten bevölkerter New Yorker Straßen zeigten um 1860 Passanten in erstaunlichen Schrittstellungen. Als Muybridge 1879 erstmals den Menschen zu seinem Studienobjekt machte, war der Kontext wiederum der Sport. Stanford hatte mit seinem Fotoprojekt geplant, eine Theorie der Tierdressur und ein (später im Pferdesport sehr erfolgreiches) Trainingssystem zu entwickeln, das auf einer allgemeinen Theorie der Bewegung basieren sollte. Nun untersuchte Muybridge mit mehreren durch Uhrwerke gesteuerten Kameras zunächst Athleten. Bald fotografierte er Menschen bei allen möglichen Tätigkeiten sowie Tiere des Zoos. Als eine Art visueller Atlas der Bewegungsformen erschienen die Ergebnisse 1887: »Animal Locomotion«. Wie der Titel Menschliches und Tierisches eigentümlich vermischt, so gleicht der auf den körperlichen Bewegungsapparat und dessen Aktionen fokussierte Kamerablick die weitgehend nackt auftretenden Menschen den Tieren an. Die neue, Raum und Zeit exakt korrelierende Sicht zeigt, was jenseits der Grenzen menschlicher Wahrnehmung liegt, und wird künstlerische Darstellungsweisen im 20. Jahrhundert – die Futuristen ebenso wie Francis Bacon – nachhaltig beeinflussen. FE

Eadweard Muybridge. Kat. Stuttgart/ Zürich/ Bochum/ Basel/ Graz, Stuttgart, 1976



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