Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:30:33
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 12
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

Paul McCarthy

PAUL MCCARTHY

Bevor Michael Jackson als früh gealterte Diva, von kosmetischer Chirurgie und chemischer Hautbleichung gezeichnet, Pressespekulationen über seinen Niedergang auslöste, hatte er in den achtziger Jahren als weißer Schwarzer, als animalische Tanzmaschine, als weiblicher Mann, als Liebhaber von Kindern und Tieren alle möglichen Fantasieerwartungen des amerikanischen Publikums gereizt. Sensationell konnte die differenzlose Imagebildung nur wirken, weil sie auf eine scharf differenzierende öffentliche Moral stieß. Amerikanische Kinokritiker preisen im Fernsehen familientaugliche Filme als »clean fun«, eine verklemmte Kategorisierung von Spaß, die nicht ohne ihr ekstatisch gefürchtetes Pendant schrankenloser Obszönität auskommt. Das offiziöse Meinungsklima rigider, dabei unsicherer Leibpolitik stattete die Zuneigung des Popstars zu seinem Hausaffen rasch mit skandalös erotischen Untertönen aus.
McCarthys Doppelskulptur »Michael Jackson White«, »Michael Jackson Black« (1997–1999) treibt die Verklemmung bewußt auf die Spitze. McCarthy (geboren 1945) buchstabiert die Gleichsetzung von vermenschlichtem Affen und maskottchenhaftem Sängeridol unter dem vereinheitlichenden Vorzeichen einer Comicfigurenidentität aus. »Weiß« und »schwarz« als Skulpturenfarben codieren einen Rassismus, der den Typus des dunkelhäutigen, erotisch-animalischen Entertainers anziehend und zugleich, weil so affengleich, abstoßend erscheinen läßt. Daß Michael Jackson vor dem inneren Widerspruch dieses Rassismus in die chemisch-chirurgische Körpermanipulation flüchtete, machte – böse Pointe – den realen Körper dieses Superstars der Öffentlichkeit so verfügbar wie es sonst in der westlichen Gesellschaft nur Tierkörper im Medizinexperiment oder der Nahrungsmittelindustrie sind.
Anders als Jeff Koons, der Jackson und den Affen Bubbles bereits 1988 porträtierte und der sich den Perversionen veröffentlichter Moral durch Angleichung nähert, stellt sich der Kalifornier McCarthy dem hysterisierten Spektakel lüsterner Empörung konfrontativ entgegen. McCarthys Performances der sechziger und siebziger Jahre knüpften entfernt an das Ethos der West-Coast-Hippies an, das sich gegen Heuchelei und Körperfeindlichkeit richtete: Gehe gezielt auf deine Alpträume zu, und du wirst sehen, auf welch banal repressive Weise Massenmedien und öffentliche Moral dein Körperselbst (und deine – wie auch immer erotische – Freude an Tieren) unterwandern. Diese Haltung gibt McCarthys thematisch stets sex- und gewaltträchtigen Arbeiten ihre verblüffende Leichtigkeit: Befreiung durch klares Denken. MW



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