Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:29:32
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 05
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

(e.) TWIN GABRIEL

Häufig in ihren Skulpturen, Klanginstallationen, dezentralen Projekten und vielgestaltigen Recherchearbeiten haben (e.) Twin Gabriel, d.h. Else
Gabriel (geb. 1962 in Halberstadt) und Ulf Wrede (geb. 1968 in Potsdam), Tierverhalten in architektonischen Zusammenhängen thematisiert, um letztlich Menschenverhalten ebenso illusionslos wie humorvoll in den Blick zu rücken. Im Berliner Haus am Waldsee setzten sie gemeinsam mit Georg Herold 1996/97 Tausende von Schnekken aus. Die Ausstellungsbesucher schritten behutsam durch die Räume, um kein Kriechtier zu zertreten – und nahmen erstmals den Kunstort selbst als architektonische Gegebenheit wahr, was Ziel der Schneckeninvasion gewesen war.
Für das Institut Technische Informatik der Universität Mannheim, an dem in der Chipentwicklung und Optoelektronik spektakuläre Forschungsergebnisse erreicht worden sind, entwarfen (e.) Twin Gabriel im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Wettbewerbs einen Beitrag in Gestalt einer Sitzlandschaft. Aus farbigem Beton wird das Modell eines Längsschnitts durch das Hirn eines Affen nachgebaut. Besonders hervorgehoben werden die Bereiche, die teilweise zum limbischen System gehören und in denen das Belohnungszentrum vermutet wird. In der Mitte steht ein Frischobstautomat, an dem Bananen (alternativ Glückskekse) gekauft werden können. Wenn hochentwickelte Superchips und optoelektronische Identitätskontrollen irgendwann einmal an Automaten zum Einsatz kommen, funktionieren diese für den Benutzer emotional nicht immer noch so schlicht wie die Staude, von der der Urwaldprimat die Banane klaubt? Freut sich der auf Kreditkarte konditionierte Bankkunde über die gelungene Geldentnahme nicht wie der Affe über die Banane? Es gibt Theorien, die ordnen die Affektlogik ein zwischen qualitativev Gefühlswelt und quantifizierender, sachorientierter Wahrnehmung. Schon Pawlows Versuche mit Hunden ließen manchen Menschenerzieher und Soziotechnokraten erkennen: Belohnung stimuliert Leistung. Das Belohnungszentrum ist Quelle des Forschritts dank Lust an der Entspannung durch Erkenntnis. Nie allerdings streift die stets auf das Verhalten und das Bewußtsein des Menschen zielende Hirnforschung an Tieren die unfreiwillige Komik ab, mit der – bildlich gesprochen – Menschen ihr Gehirn anstrengen, um in ihr eigenes Gehirn zu gucken. Sie ähneln darin Hunden, die kreisend versuchen, ihren Schwanz zu schnappen. DT

(e.) Twin Gabriel: floating-floccinaucinihilipilification. Kat. South London Gallery, London 1997



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