Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:27:29
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 08
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

Katharina Fritsch

KATHARINA FRITSCH

Als Katharina Fritsch (geboren 1956 in Essen) Ende der achtziger Jahre zur Vorbereitung einer Ausstellung von der Dia Art Foundation nach New York eingeladen wurde, war ihr erster Eindruck: »New York ist ja gar nicht so eine moderne Stadt, sondern eher eine aus den 20er Jahren (...) Metropolis, Dämon
der Großtadt (...) Also dieser Eindruck war für mich in den ersten Tagen die erste Erfahrung, und die führt bei mir meistens zu einer Vision, die absolut momentan intuitiv kommt (...) Dann sind wir durch ein Türchen hinten aus dem Ausstellungsraum herausgegangen, in einen ganz kleinen, engen Gang zwischen zwei Hochhäusern. Und das war ein richtiges Rattenloch. Und dann war die Vorstellung sofort da. Und das verband sich mit der Idee, einen 'Rattenkönig' zu bauen (...) Eine Ratte ist für mich überhaupt kein Ekeltier. Aber als ich (...) über mein Projekt für das Dia Center nachgedacht habe, wurde mir klar, daß die Symbolik der Ratte – Überlebenswille, Aggressivität, eine gewisse Ruchlosigkeit – gut zu New York paßt.«
Waren die historischen Wappentiere und Stadtallegorien aus dem kollektiven Bilderfundus des mittelalterlichen Rittertums und später der Bistümer und Herzogtümer hervorgegangen, so setzte
Katharina Fritsch New York 1993 ein heraldisches Zeichen aus individueller Intuition: den »Rattenkönig«, bestehend aus sechzehn 2,80 m hohen Tierskulpturen, in einem Kreis von 13 m Durchmesser aufgestellt und im Kreisinneren an den Schwänzen zu einem stilisierten Knoten verbunden. Immerhin geht diese Verknotung auf kollektive Erzählungen zurück. Nach alten europäischen Volkssagen bildet sich ein sogenannter Rattenkönig, wenn sich junge Ratten im Nest an ihren Schwänzen unentwirrbar miteinander verheddern.
Katharina Fritsch, zu deren Werk Großskulpturen eines Elefanten (1987), einer Maus (1991/92) oder von Pudeln (1995/96) gehören, erhielt 1993 in
New York zwar gemischte Reaktio-
nen zu ihrer persönlich intuitiven Allegorie der Stadt, dafür aber die Zustimmung einzelner: »Die direktesten Reaktionen sind von einer New Yorker Schulklasse gekommen, die mit ihrer Lehrerin im Dia Center war (...) Was mich wirklich fasziniert hat, war, daß einige aus der Gruppe dann meinten, die Häßlichkeit und das Abstoßende an Ratten wären doch nur Projektionen, Ratten könnte man doch auch süß finden. Ein Mädchen sagte, der 'Rattenkönig' müßte auf das Empire State Building, damit man ihn von Queens aus sehen könnte, als Zeichen von New York.«

Katharina Fritsch. Kat. Museum of
Modern Art San Fransciso / Museum
für Gegenwartskunst Basel 1997



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