Author:   Kevin Wells  
Posted: 10.04.2002; 11:12:40
Topic: ARCHIV - DAS TIER IN MIR - KÜNSTLER 04
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DAS TIER IN MIR << zurückweiter >>

SANDRA MUNZEL

In den Plastiken von Sandra Munzel (geboren 1968 in Peine) begegnet man kleinen Kreaturen zwischen Mensch und Tier, nahen fremden Wesen. Unterschiedliche Körper gehen ineinander über, scheinbar Gegensätzliches wird kombiniert – Tiergesichter wachsen
aus einem Menschenleib (»Bärmutter«, 1997), eine Vielzahl weiblicher Brüste sitzt auf einem männlichen Vogelrumpf (»Die Ganterin«, 1997), ein Bärenkörper trägt ein Kindergesicht (»Tier mit Zunge«, 1996). In ihren zierlichen
Werken exerziert die Künstlerin unheimliche Körperexperimente. Stofftiere bildeten zunächst den Kern der plastischen Arbeiten, sie wurden mit Wachs überzogen und verfremdet. Wie bei Jeff Koons oder Mike Kelley sind diese Stofftiere, als emotionale Speicher und puppenhafte Gegenüber für
Kinder, das besetzte Ausgangsmaterial für ein psychologisch-bildhauerisches Spiel. Auch die später entstehenden Tonfigürchen überzieht Munzel mit jener Wachsschicht, die den Körpern eine durchscheinende Weichheit verleiht. Eingefärbt und bemalt wirken ihre Oberflächen wie gerötete, verletzliche und verletzte Haut.
En miniature werden so gewaltige Themen verhandelt wie Geburt, Fruchtbarkeit, Sexualität und Tod. Mit ihrer konzentrierten Körperlichkeit, ihrer Vielbrüstigkeit etwa oder den zur Schau getragenen Geschlechtsteilen, haben die kleinformatigen Plastiken die Ausdruckskraft archaischer Idolfigürchen.
In seiner Publikation »Das biotechnische Zeitalter« (1998) spricht Jeremy Rifkin vom künstlichen Menschen als der »zweiten Schöpfung« und beschwört neue Möglichkeiten einer technoiden Wesenskombinatorik: »Vielleicht werden wir Zeugen der Erschaffung zahlloser neuer Tierchimären, unter anderem auch von Mensch-Tier-Hybri-
den (...) Die künstliche Erschaffung von
klonierten, chimären und transgenen Tieren könnte (...) den Beginn einer bioindustriell gestalteten Welt einläuten.« Ganz entgegen der Faszination Rifkins haben Munzels Chimären mit verborgenen Stimmungen und Kräften zu tun, mit emotionalen Zuständen, nicht mit biotechnischer Optimierung des Körpers. Chimären haben die Kunst als Erfahrungs- und Experimentierraum fremder Selbstbilder immer belebt und darin dem Menschen Äußerliches wie Innerliches zugänglich gemacht.
Munzels Skulpturen sind Anschlüsse an Urbilder, unbewußte Identitäten und Empfindungen, eine unheimliche und kraftvolle Miniaturwelt, in der
Körper aufbrechen, sich verformen und darin auf die fremden Dimensionen
unseres eigenen Leibes und unseres
Bewußtseins deuten. DE



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