Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.01.2002; 13:13:29
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 37
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BIG NOTHING << zurückweiter >>
Thomas Ruff

geboren 1958 in Zell/Schwarzwald, lebt und arbeitet in Düsseldorf

Das »Zeitungsfoto 013« gehört, wie stets bei Thomas Ruff , zu einer Serie. Ruffs Arbeiten nach Zeitungsfotos sind standardisierte Vergrößerungen auf das doppelte Format, wobei Ruff die Zeitungsunterzeile wegläßt. Nach den fotografischen Interieurs und den neutralisierenden Portraitserien begann er ab 1989 in seiner Sterne-Serie, Aufnahmen anderer in seiner Arbeit zu verwenden. Die Serie der Zeitungsfotos scheint ein weiterer Schritt zur Indifferenz und Auslöschung des künstlerischen Eingriffs zu sein. Andererseits sagt Ruff 1995: »Die Zeitungsfotos habe ich seit zehn Jahren immer ausgeschnitten, weil sie mir tatsächlich aufgefallen sind. Da wird ein Fotograf losgeschickt (…) und versucht, ein möglichst gutes Bild zu machen. Aber dann wird den Fotos ihre eigene Qualität genommen, weil sie ins Raster der Zeitungsspalten und Zeilenzahlen passen müssen. (…) Und manchmal hat dann ein Zeitungsfoto trotzdem noch einen Charme, fotografische Qualitäten, für mich eben, die ich nicht verloren sehen will.« Sind die konventionellen Erwartungen an Fotografie erst einmal intensiv desillusioniert (»Eine Reproduktion ist eine Reproduktion ist eine Reproduktion«, 1996), so kann umso genauer hingeschaut werden, was ein Foto zeigt, denn selbst Zeitungsfotos haben Ausdrucksqualitäten, »wie alles auf der Welt« (1995). Im Punktraster des »Zeitungsfotos 013« läßt sich Kasimir Malewitschs »Schwarzes Kreuz« (um 1920) erkennen, eine Ikone selbstmächtiger Kunstvollkom-menheit, suprematistisches Ende aller Kunst und sinnstiftender Neuanfang zugleich. Indem Thomas Ruff einen Ausschnitt (fehlende Textzeile) aus der Zeitung zeigt, in der ein Ausschnitt aus der Fotografie abgedruckt ist, die wiederum als Ausschnitt aus einer realen Raumsituation nur das Malewitsch-Gemälde abbildet, konfrontiert er die pathetische Vision der klassischen Avantgarde mit dem desillusionierten Sehen des Künstlers am Ende des 20. Jahrhundert, ja er bringt beides zur Kongruenz innerhalb einer Bildfläche. Denn eigenartigerweise beraubt die vielfache Vermit-teltheit das ferne suprematistische Original nicht völlig seiner Aura. Daß wir eine Abbildung einer Abbildung einer Abbildung sehen, bleibt bei Ruff nicht unsichtbar. Dadurch wird in Ruffs Bild von Malewitschs Gemälde der historische und geistige Abstand zu einem Teil dessen, was wir sehen. Aufgrund der technisch bedingten Bildverschlechterung sehen wir klarer.