Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.01.2002; 13:12:50
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 36
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BIG NOTHING << zurückweiter >>
Dieter Roth

geboren 1930 in Hannover, gestorben 1998 in Basel

»Nachdem ich gesehen hatte, daß Fäulnis und Verschimmeln fast Ornamente liefern und überraschende Veränderungen abgeben, benutzte ich nicht haltbares Material mehrere Jahre hauptsächlich.« In diesen, dem Verfall so offensichtlich preisgegebenen konzeptuellen Arbeiten betreibt Dieter Roth ein perfides Doppelspiel. Produziert er einerseits extrem stoffliche und damit materiell präsente Werke, unterläuft er andererseits deren Objekt- und Warencharakter, indem sie sich von vornherein im Zustand permanenter Auflösung befinden. Durch seinen Verfall betreibt das Werk eine kompromißlose Wirklichkeitsannäherung. Einer gefälligen Aneignung entzieht es sie sich durch sein kunstloses Material und die permanent betriebene eigene Auslöschung – diese Subversion gilt nicht zuletzt dem Kunstbetrieb: »So ist schon einmal Abstand gewonnen zu den Museen, dem ganzen Getue, den Meisterwerken.«
»Verkehrung und Umkehrung«, so Uwe M. Schneede, »sind Prinzipien der Rothschen Arbeit«. In der ironischen Verwendung traditioneller Formeln der Lanschaftsmalerei etwa unterläuft Roth mit destruktiven Strategien die erhabene Landschaftsdarstellung und deren tragende Symbolik und heilt Gleiches mit Gleichem: »Ich glaube, daß ich ironisch oder aggressiv nur Formen aufgelöst habe, die ihrerseits aggressiv waren, die etablierten Formen der Klassik oder Romantik.« So bestehen einige seiner Sonnenuntergänge schlicht aus einer Salamischeibe, die etwa auf einem Blatt vor sich hinfault.
Als einen zentralen und kunstlosen Werkstoff verwendet Roth Schokolade. Seine mit Schokolade überzogenen Puppen entstehen unter dem Einfluß von Hans Bell-mers monströs beweglicher Skulptur »Die Puppe« von 1935/37. Deren aggressive Erotik und triebhafte Ästhetik sind für Roth Zeichen der Auflehnung wie schöpferisches Motiv. Die seinen Schokoladenobjekten innewohnende Verdauungsmetapher, ihr kannibalischer Effekt, behauptet die Möglichkeit einer komplexen Aneignung der Wirklichkeit durch Verdauung – sei es nun im Sinne eines In-sich-Aufnehmens oder einer Auslöschung des Anderen. Roths Werk betreibt die Herstellung von Negativ-Bildern, doch anders als bei der reinen Destruktionskunst geht es ihm um den Prozeß. Das Werk nähert sich anthropologischen Bedingungen an, indem es wenigstens ebenso vergänglich sein will wie sein Betrachter, der zum Zeugen beider Verfallsprozesse wird.