Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.01.2002; 13:11:32
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 34
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BIG NOTHING << zurückweiter >>
Arnulf Rainer

geboren 1929 in Baden bei Wien, lebt und arbeitet in Wien und im Kloster Vornbach

1951 gab Arnulf Rainer einer Sequenz von Zeichnungen unter dem Titel »Perspektiven der Vernichtung« folgendes Motto: »Eine Wahl: Das Schweigen gegen die Poesie, (...) der Tod gegen das Leben, (...) das Nichts gegen Alles.« 1953–65 entstanden dann die sogenannten »Übermalungen«, »indem ich Reprophotos alter Bilder (...) retuschierte, weiterbearbeitete, verlöschte, (...) zumalte« (1978). Rainers Form der »Aneignung als Vernichtung« (W. Hofmann) wurde anfangs als kunstfeindliche Attitüde eines Anarchisten mißverstanden, als aggressive Demonstration des philosophischen Nihilismus oder – im Falle der Kreuz-Übermalungen – als bildnerische Belege einer negativen Theologie. Rainer selbst war sich unsicher: »Vielleicht ist alles Schimäre. Bloße Einbildung eines Auslöschungswütigen, Gespinst eines Nichts-Suchers, Hirndrang eines der Formen-welt Überdrüssigen« (1978).
Mit seinem Pinsel »ertränkte« Rainer den sensualistischen Formenvorrat der Malerei, um eine neue Bildsprache zu finden, die im spirituellen Gestus der Welt-abkehr und mit der Adaption mittelalterlicher Mystik bzw. ostasiatischer Meditations-lehren einen extremen Gegenpol zur Pop-Art ausbildete. Nach der »Abtötung« der sinnlich-oberflächlichen Reizebene sollte die Malerei als geistiger Akt in ihrem Schöpfer wie im Betrachter Aspekte zur Selbstfindung durch Meditation und Reflexion stimulieren. Konsequent war, daß Rainer seinen Bildersturm auch gegen sich selbst wendete. Es ist das gleiche Schwarz, mit dem er immer wieder den eigenen Körper und die eigene Physiognomie malerisch auslöschte und in dem er sich wiederfindet, wenn sich vor ihm das unterirdische Wien auftut:
»Bei der Suche nach Plätzen (...) für meine Posenfotos drängte es mich immer mehr zu Fels, (...) dunklen Ecken, Kellerstiegen, Souterrainräumen, Höhlennischen. Um den Bildcharakter dieser Untergrundarchitektur zu überprüfen, ließ ich sie studienhalber aufnehmen. Beim Betrachten der Fotos sah ich mich aber sofort selbst, versteckt, als schwarzer Schemen, dunkler Schatten, drohender Riß oder grauer Schmutz.«
Die Architektur erscheint durch Rainers Übermalungen zunächst renaturiert – hier ein Tunnel wie ein organisch-körperliches Loch, Teil der Kanalisation, die den Stoffwechsel im »Bauch der Stadt« regelt. Der mit Ölfarbe aufgetragene »schwarze Bach« aber führt in jenen schwer zu ergründenden Bereich, den schon die Romantiker im Bild der Höhle mit dem Unterbewußten gleichsetzten. Er kann als Metapher für Rainers Kunstauffassung fungieren. Den asketischen Weg nach Innen, den er aufzeigen möchte, begleitet ein abgründiger Todessog. Um den Dingen auf den (letzten) Grund zu gehen, muß Rainer wie der Taucher, mit dem er sich früh identifizierte, die Welt und sich selbst verabschieden:
»Ich (...) zeichnete sogleich mich hinein, eben als dunklen Fleck, schwarze Schlinge (...) Manchmal sogar doppelt auf dem Bild, finden viele Betrachter mich trotzdem nicht. Ich bitte Sie, mich zu erkennen oder zu erraten, denn nicht allein die Architektur ist der Inhalt dieser Arbeiten, sondern meine eigene Verwandlung und Auflösung.«