Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.01.2002; 13:10:46
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 33
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BIG NOTHING << zurückweiter >>
Sigmar Polke

geboren 1941 in Oels, Schlesien, lebt und arbeitet in Köln

»Und hier darf wohl gesagt werden, daß dank meiner unermüdlichen wissenschaftlichen Bemühungen, von denen meine Bilder ja beredtes Zeugnis ablegen, endlich wieder Licht in die Welt eben dieser metacausalen Beziehungen zwischen/in den Erscheinungen gedrungen ist, in denen erst der wahre Sinn und die wahre Ordnung der Erscheinungen zu finden ist, – frei von irgendwelchen Causalitäten und Consekutionen, in denen sich doch nichts anderes beweist als das tiefe ornamentale Bedürfnis ansonsten haltloser Intellektueller.«
Während seiner unermüdlichen aufklärerischen wissenschaftlichen Bemühungen erreichen den Künstler Sigmar Polke jedoch auch gänzlich ungeplant Eingebungen. So geschehen etwa, als ihm »Höhere Wesen befehlen: Winkel malen!« Wie genau die Übermittlungen der Botschaften sich 1968 zugetragen haben, bleibt im Gehei-men, das Ergebnis: Der Künstler hat einen Winkel in eine der Bildecken gesetzt und den Auftrag auf dem Blatt notiert.
Um 1968/69 wird Polke einige Male zum Medium derartiger Eingebungen, als deren Folge mehrere Versionen seiner ironischen Herrgottswinkel entstehen. Rein künstlerisch gesehen jedoch haftet den Ergebnissen dieser Eingaben nichts »Kreatives« oder »Schöpferisches« an – eine eher dilettantische, unprofessionelle Malerei, die unangenehm auffällt. Der Kunstkritik aber entzieht sich das Bild, denn als Produkt höherer Mächte ist es unanfechtbar: Eine deftige Parodie auf den schöpferischen Impuls in der Kunst und den Künstler als schöpferisches Genie, deren Topoi Polke ironisch aushebelt.
Polke, der Hochstapler-Künstler, kokettiert in seinen fröhlichen Wissenschaften mit dem Nichts. In seinen Bildern verkauft er abstruse Beziehungen aus Schein, Sein und Nichts, in denen das Erhabene und das Lächerliche erstaunlich nahe beieinanderliegen. In Polkes Wiederaufbereitung von Kitsch und Kunst entsteht eine humorvolle Mesalliance, deren vermeintlich schlechter Geschmack zum stilistischen Element wird. Das Bild ist paradoxerweise dennoch ein alchemistisches Produkt, denn selbst wenn es seine eigene Lüge offenlegt, bleibt ihm eine mysteriöse Aura. Künstler waren immer schon die, die mit diesem Unfaßbaren gewirtschaftet haben.