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inactiveTopic AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 14 topic started 20.01.2002; 12:43:59
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user Kevin Wells - AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 14  blueArrow
20.01.2002; 12:43:59 (reads: 7858, responses: 0)
BIG NOTHING << zurückweiter >>
Mathilde ter Heijne

geboren 1969 in Straßburg, lebt und arbeitet in Amsterdam

Ohne dich hat mein Leben keinen Sinn
Ich bin eine leere Hülle ohne Dich
Laß mich nur der Schatten deines Schattens sein
(Francois Truffaut, La Femme d’à Côté, 1980)

Ich gehe, damit du mich niemals vergißt, Mathilde
(Patrice Leconte, Le Mari de la Coiffeuse, 1991)

Daß die Frau in ihrer Rolle als Liebesopfer nur so lange existiert, wie sie das Objekt männlichen Begehrens bleibt, diese tragische Wahrheit haben die liebenden Heldinnen dreier französischer Filme verinnerlicht (1980 in Truffauts »La Femme d’à Côté«, 1990 in Brisseaus »Noce Blanche«, 1991 in Lecontes »Le Mari de la Coiffeuse«). Unausweichlich enden alle drei Filme mit dem Selbstmord der Geliebten, die alle »Mathilde« heißen. Mathilde ter Heijne filtert in ihrem fünfminütigen Video diese Erzählungen ihrer filmischen Namenscou-sinen zum Extrakt und verdichtet darin ein spezifisch weibliches Motiv des Nichts: der Verlust einer Existenzberechtigung, die sich alleine im Geliebtwerden durch einen anderen begründet.
Das Motiv der sich von der Brücke in den Fluß stürzenden Mathilde nimmt sie aus Lecontes Film auf und läßt ein Doubel ihrer selbst anfertigen. Aus Abgüssen ihres Gesichtes und ihrer Hände, auf einen Puppenkörper montiert, entsteht eine Doppelgängerin, die auch die Kleidung der Künstlerin trägt. Ter Heijne delegiert die Opferrolle an ihre künstliche Stellvertreterin. Die Puppe, das entseelte Spiegelbild, wird zur Darstellerin ter Heijnes und stürzt statt ihrer über das Brückengeländer. Die romantische Idee des Wiedergängers als zweitem, spirituellen Ich verkehrt sich zum Dummy, dem man alle unangenehmen Erfahrungen überantwortet und sich ihrer damit entledigt. Der virtuelle Suizid am identischen Anderen wird in ter Heijnes Arbeit zum ironischen Krisenmanagement.
In der Installation »Mathilde, Mathilde … / Ne me quitte pas« sitzt die Puppe der Künstlerin auf einem Podest neben der Videoprojektion. Ein am Boden stehender Recorder spielt den Song »Ne me quitte pas«, zu dessen Melodie die Puppe mit der Stimme der Künstlerin summt: ein abgründiges Vexierspiel zwischen Mensch und Modell.