Author:   Kevin Wells  
Posted: 20.01.2002; 12:36:53
Topic: AUSSTELLUNGEN - KÜNSTLER 05
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BIG NOTHING << zurückweiter >>
Hanne Darboven

geboren 1941 in München, lebt und arbeitet in Hamburg

Nach der Art eines Tagebuchs füllte Hanne Darboven für jeden Tag des Jahres 1984 ein Blatt Millimeterpapier in ihrem charakteristischen Schriftduktus. Die Höhe der vorgegebenen Zeilen vermindert sich von unten nach oben zweimal schrittweise und die Schreiblinien formieren sich zu Gefügen, die Horizont und Landschaft assoziieren lassen: den täglichen Rhythmus von Sonnenauf- und -untergang. Hinter den Auf- und Abschwüngen dieser 'konkreten' Schrift verbirgt sich keine außerbildliche Bedeutungsebene. Die aus Ziffern und Worten bestehenden Legenden wiederum, welche die Schrift-Bilder systematisch nach Monat, Jahr und Tag durchnummerieren, sind Teil der 'Bild'-Gestaltung.
Darboven zerlegt den Zeitablauf eines Jahres zahlenmäßig und fixiert ihn. Sie läßt ihn durch die räumliche Präsentation als 'permanente Gegenwart' erscheinen. In der Serialität aber verliert sich das im Titel angedeutete Besondere. Die Erwartung eines subjektiven Zeugnisses, durch die äußere Struktur des biografischen Dokuments geweckt, wird enttäuscht. Nichts verrät das Aufgeschriebene darüber, wie New York während zweier erlebnisreicher Jahre der jungen Künstlerin zur »zweiten Heimat« wurde. Die motorisch-gestisch wiederholten Lineaturen aber entleeren die Aufzeich-nung von jeglichem persönlichen Inhalt. In ihrer weitreichenden Verweigerung, sich konventionell mitzuteilen, demonstriert Darboven die Relativität von Raum- und Zeiterfahrung, die sich eindeutiger Festlegung entziehen.
Wenn in die schriftlich ausgebreitete und doch verschlossene Gegenwart auf dem jeweils achten Blatt einer Woche, das mit »heute« bezeichnet ist, bunte Postkarten-Bilder eines vergangenen New York hereinbrechen, unterstreicht das einerseits diese Komplexität der Wahrnehmung. In ihr durchdringen sich verschiedene Räume, Erzählzeit und erzählte Zeit, und können nur unzulänglich dargestellt werden. Andererseits vollziehen die Arbeiten in ihrer inneren Struktur gesellschaftliche Umwälzungen nach, in deren Folge wir die intakte Welt der alten Postkarten als historischen Verlustraum betrachten. Die Bemühungen, in Darbovens hermetisches Darstellungssystem vorzudringen, führen zu der gleichen Erkenntnis wie die Versuche zur Entschlüsselung der DNA: Eine einfache »Lesbarkeit der Welt« (Blumenberg) ist nicht mehr gegeben. Wie Massenproduktion und -kultur haben Darbovens ständige Wiederholungen die Konsequenz, daß das Einzelne und Einzigartige entwertet wird und verschwindet.