Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:35:38
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 29
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ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Harry Sachs, Obel - Zuverlässig in die Zukunft, 2000, Videostill


Harry Sachs

Der in Berlin lebende Harry Sachs (geboren 1974 in Stuttgart) thematisiert in seinen Performances und Videoarbeiten die durch das Auto veränderte Wahrnehmung der mit dem Auto erfahrenen Welt. Der Film "Opel – Zuverlässig in die Zukunft" (2000) gleicht zunächst in Teilen einem Werbespot. Er wird durch Slogans eingeleitet, bald aber bemerkt man, daß die Wahl auch auf ein beliebiges anderes Modell hätte fallen können. Die vorangestellten Botschaften – "Vielseitig im Straßenverkehr" und "Sicher im Gelände" – werden nicht mit technischen Details belegt. Sie geben eher abstrakte Stichworte von idealer Funktionalität, mit denen die Werbung auf kollektive Visionen antwortet. Solchen "Visionen vom perfekten Auto" nähert sich Sachs mit einer ungewöhnlichen Umrüstung seines Opels an.
Zunächst steigt der Künstler von oben in den mit Plastik ausgekleideten und gänzlich mit Wasser angefüllten Wagen. Sobald die Luftversorgung über eine herkömmliche Sauerstofflasche gewährleistet ist und der Wagen mit röhrendem Motor anfährt, kann sich ein ganz neues Fahrgefühl einstellen. Wie in einer Blase, einem "rollenden Uterus", als den Peter Sloterdijk das Auto im allgemeinen charakterisiert hat, ist der Fahrer geborgen. In den Innenraum dringen kaum Geräusche. Sachs gleitet wie in einem Aquarium durch den Stadtraum. Im Wasser ist er beinahe schwerelos – man scheint durch die Landschaft zu fliegen. Mit ihrer Taucherausrüstung erinnern Sachs und seine Beifahrer, die im zweiten Teil des Videos für eine "Gelände"-Fahrt auf einem Sportplatz zusteigen, entfernt an die frühen Weltraumfahrer, die Heroen des in den fünfziger Jahren eingeläuteten Jet-Zeitalters. Seither ist das Auto, so Sachs, die "Rakete des kleinen Mannes", der eigentlich auch gern Astronaut sein möchte. Die dynamischen Heckflossen amerikanischer Straßenkreuzer gaben diesem Traum Form.
Im Video ist allerdings die Innenperspektive dominant. Der surreale Charakter, den die Außenwelt des automobilen Wasserbehälters annimmt, zeigt mittels Übertreibung, wie sehr die raumdurchdringende Maschine unsere Wahrnehmung bereits verändert hat. Daß wir im Laufe unseres automobilen Daseins oder auf Reisen "wachsen" (auch über unser Auto hinaus), suggeriert auf ironische Weise eine zweite Arbeit, die in Zusammenarbeit mit Franz Höfner und Michael Böhler entstand. Während einer Performance im rumänischen Cluj füllten Kompressoren allmählich aufblasbare Westen, welche die vier Insassen eines "Skoda Elan" (1998) tragen und sie förmlich aufquellen lassen. FE