Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:32:38
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 33
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ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Heinrich Weid

Heinrich Weid

Das Ornament verziert die Oberfläche, ist dekoratives Beiwerk, zählt zum Kunstgewerbe und hat in anspruchvoller, sich selbst reflektierender, autonomer Kunst keinen legitimen Platz. In der älteren Kunstgeschichtsschreibung wurde das Ornament vor allem solchen Epochen zugeordnet, deren Zeitvorstellungen nicht ergebnisoffen und evolutionär, sondern zirkulär geschlossen, eigentlich statisch sind: das Ornament als Form gewordene Wiederholbarkeit, Ereignislosigkeit.
Heinrich Weid kommen solche Qualifizierungen gerade recht, um sich beherzt über sie hinweg zu setzen. Zwar liegen ihm die historischen Ornamentformen – ob nun Knorpelwerk oder Ohrmuschelstil – nicht als solche am Herzen. Aber daß Tapeten, Gußkeramik mit fein strukturierter Oberfläche oder verzierte Pavillons im Park heute keine ernstzunehmenden Themen der Kunst sein sollen, hindert den Künstler nicht daran, sich genau diesen zuzuwenden und fast barocke Raumzusammenhänge zwischen Wandgestaltung und Kleinskulptur herzustellen. Im maschinenkonformen Rapport des Tapetenmusters erscheinen zwischen Autoreifen verkehrsschilderartige Männchen, funktionale Piktogramme für "Mensch", wie sie eigenartigerweise für das späte 20. Jahrhundert mit seinen normativen Menschenrechten, ausdifferenzierten Lebensstilen und kundenbezogenen Konsumangeboten typisch sind. In dreidimensionaler Form und zugleich aus der starren Wiederholung des Tapetenmusters gelöst, variiert Weid das schematische Modul "Mensch" in den Keramiken, die wandleuchterartig aus dem Tapetenmuster hervortreten. Die Keramikgüsse, die der Künstler in einem aufwendigen, halbindustriellen Verfahren selbst herstellt, wirken im ersten Augenblick als ironische Travestie eines Kerzenhalters. Auf den zweiten Blick jedoch ergibt sich aus Weids Verwendung kunstgewerblicher Verfahren und Stilelemente neuer Sinn. Das Ornamentale umspielt hier keinen anderen, "eigentlichen" Inhalt mehr. Es zeigt sich selbst als genuin leere Form. Die Groteske der Renaissance machte den menschlichen Körper zum ornamentalen Stückwerk, setzte Köpfe und Oberkörper mit pflanzlichem oder abstraktem Rankwerk gleich. Diese beunruhigende, heute unterschwellig brutal wirkende Verfügung über den Menschenkörper erfährt in Weids keramischen Mischwesen eine absichtsvolle Variation. In manchen seiner Wandskulpturen geraten menschlicher und maschinaler Körper ineinander, wird die Autokarosserie zur Leibeshülle und umgekehrt. Aus der lakonischen Harmlosigkeit von Spielzeug (die Grußformen der Reifenmuster sind von Spielzeugautos abgenommen) gehen wenig harmlose Fragen hervor: Was bedeutet es in letzter Konsequenz, wenn Menschenleib und Maschinenkorper immer enger miteinander identifiziert sind? Was bedeutet: "Ich bin mein Auto"?
Weids Autozimmer, eine Mischung aus Environment und abgründig guter Stube, paßt in seiner anachronistischen Statik eigenartig gut zum Dynamikthema "Autofahren". Auch bei Tempo 190 km/h sitzt der Fahrer still. MW