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inactiveTopic ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 26 topic started 08.09.2001; 16:29:17
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user Kevin Wells - ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 26  blueArrow
08.09.2001; 16:29:17 (reads: 10077, responses: 0)
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Gerhard Richter

Gerhard Richter

Als Gerhard Richter (geboren 1932 in Waltersdorf, Oberlausitz) Anfang der sechziger Jahre begann, nach meist schwarzweißen Vorlagen aus Prospekten, Zeitungen oder dem Fotoalbum zu malen, waren seine Bildsujets von herausfordernder Trivialität: unspektakuläre Tier-Darstellungen und Familienporträts, Einrichtungsgegenstände, touristische Sehenswürdigkeiten, Flugzeuge und Autos. Es war "eine Art Flucht" ins Banale (Richter, 1970), eine Variante der Pop Art, die weniger auf die kommerziellen Massenbilder der Werbung und Unterhaltung als auf die Welt des Kleinbürgerlichen abzielte. Angesichts der Seltenheit italienischer Marken, auf die sich Richter in seinen Auto-Bildern offensichtlich konzentrierte, waren ein "Ferrari" (1962), ein "Alfa Romeo" (1965, nach einem Zeitschriftenausschnitt) oder eben "Zwei Fiat" (1965) sicher einen Schnappschuss wert, wenn man ihnen auf der Straße begegnete.
Vom konkreten Gegenstand der mutmaßlichen Vorlage (eines Urlaubs- oder Pressefotos) löst Richter seine Darstellung aber gezielt ab. Die bildnerische Organisation wird flächiger und diffuser. Richter verunklärt die Konturen und verstärkt vorhandene Unschärfen durch Verwischungen. Dem Abbild wird so auf Kosten seiner Deutlichkeit eine anderes "Bild" abgewonnen, das zwar mit seiner Fotoähnlichkeit die Objektivität der Fotografie anstrebt, zugleich aber die Eigengesetzlichkeit der Malerei betont. Er habe das Foto "nicht als Mittel für eine Malerei [benutzen], sondern die Malerei als Mittel für das 'Foto' verwenden" wollen, sagt Richter 1972 im Rückblick.
Richters Foto-Gemälde desillusionieren, sie betonen den Scheincharakter der Gegenwart des Bildes in der Malerei und hinterfragen zugleich die Zurechnungsfähigkeit der realen Fotografie. Nur sehr bedingt gelingt es dem Fotografen – zumal dem Amateur – Bewegung wiederzugeben. Indirekt verweist dies auf die relative Langsamkeit der menschlichen Wahrnehmung. "Zwei Fiat" huschen vorbei und lösen sich vor unseren Augen wie vor der Kameralinse förmlich auf. Man ist erinnert an die frühen sachfotografischen Experimente Anton Stankowskis zur Visualisierung von Geschwindigkeit. Die irritierende Verfremdung des Gegenstands in Richters "Foto-Malerei" (Klaus Honnef) reflektiert, wie sehr Auto und Fotoapparat als die beiden zentralen raumüberwindenden Maschinen des 20. Jahrhunderts unsere Sichtweise der Welt geformt haben. FE

Gerhard Richter. Kat. 36. Biennale in Venedig, Essen 1972
Gerhard Richter. Bilder 1962–1985. Köln 1986