Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:26:01
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 20
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ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Dennis Oppenheim

Dennis Oppenheim

Dennis Oppenheim (geboren 1938 in Electric City, Washington) hat in seinem umfangreichen und in seiner Erscheinungsweise höchst diskrepanten Werk immer wieder die Frage nach der Weltwahrnehmung des Menschen gestellt. In seinen frühen Land-Art- und Body-Art-Projekten experimentierte er mit Überschneidungen innerer und äußerer Systeme. Seine Marionetten und Puppen, die als Substitute der Person des Künstlers agieren, wurden durch die gigantischen, stets die Gefahr als produktiven Aspekt miteinbeziehenden "Machine Works" und temporären "Factories and Fireworks" abgelöst. Hier wie auch in den großen architekturbezogenen Installationen der vergangenen Jahre wird deutlich, daß die zahlreichen, häufig absurden Maschinen und mechanischen Konstruktionen nie für eine technokratische Haltung stehen, sondern gedankliche Weltentwürfe und das Verhältnis zwischen dem Menschen und der von ihm geschaffenen Welt hinterfragen.
Das Ende der achziger Jahre erlebt Oppenheim als Krise. Auf die raumgreifenden Außenarbeiten wie die eklektizistische "Impersonation Station"(1988) folgen überraschend klein dimensionierte plastische Objekte. Oppenheim erzählt, er habe in dieser Zeit nach "physiologischen Bildern" gesucht, die sich als Metaphern für die als Zeitphänomen erfahrene Verunsicherung eigneten. Er findet sie in Tierkörpern, die in den "New Sculptures" mal bedroht, mal bedrohlich, häufig aber auch zitathaft, ironisch gebrochen, etwa auf Wortspiele und sprichwörtliche Redensarten bezug nehmend auftreten und in Kombination mit Verweisen auf die zur zweiten Natur gewordene Technik stellvertretend für die Erdenbewohner schlechthin erscheinen. "Second Generation Image Zebra" verbindet alle diese Aspekte und Ambivalenzen: Als augenfällige Hohlform ist es ein in mehrfacher Hinsicht "falsches" Trojanisches Pferd, aus dessen Innerem ein Spielzeugauto wie aus einem Tunnel herausfährt. Trotz der Umkehrung der Größenverhältnisse wirkt die sich hier vollziehende feindliche Übernahme virulent, da sich die Grenzen zwischen lebendigem Leib und toter Maschine aufzulösen scheinen. Erinnert das Auto durch den dicken roten Latex-Überzug an eine Zunge, die als Irrtum einer genetischen Manipulation nun an der falschen Stelle aus dem Körper ragt, so ist das Zebra eine tote Hülle. Die Augen und Nüstern sind geschlossen und die ornamentalen Streifen, die den Körper überziehen, erweisen sich als Reifenspuren. Vom doppeldeutigen Wort Zebrastreifen ist es nicht weit zu Bremsspuren. Ein zynisches Zitat der Tyre-prints von Robert Rauschenberg? Interpretationsmöglichkeiten bieten sich viele, allen gemeinsam ist die Verbindung zum Auto, diesem hier so harmlos erscheinenden Spielzeug, das doch bereits überall seine Spuren hinterlassen hat. MB

Dennis Oppenheim: And the Mind Grew Fingers. Selected Works 1976–90. The Institute for Contemporary Art, P.S.1 Museum, New York 1992