Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:21:56
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 15
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Samuel Kane Kwei

Samuel Kane Kwei

Für die Passage am Ende des Lebens bedarf der Körper eines Vehikels. Der Sarg ist die Hülle, die es den Lebenden ermöglicht, den Toten zu ehren und auf seinem letzten Weg zu begleiten. Der Schreiner, Zimmermann und Bildhauer Kane Kwei (1924 in Teshie geboren, dort 1992 gestorben) vom Volk der Ga in Ghana hat in seinem plastischen Schaffen seit 1951 die Kultur des repräsentativen Begräbnisses durch figurative Särge fortentwickelt. Etwa zwei Dutzend Sargmodelle hat Kane Kwei bis 1992 entworfen. So wurde etwa ein Sarg in Gestalt einer riesigen Zwiebel gefertigt, da der Verstorbene durch den Anbau und Vertrieb von Zwiebeln zu Ansehen und Wohlstand gekommen war. Daneben gibt es den Getreidesack, den Schuh, die Flasche, das Flugzeug, das Huhn. Die Werkstatt wird heute von Sohn und Neffe weitergeführt. Den Sarg in Gestalt einer weißen Mercedes-Limousine könnte man nach abendländischer Lesart als moderne Version vom Kahn des Charon für das Seelengeleit über den Styx verstehen, doch würde diese eurozentristische Deutung der ghanaischen Auffassung widersprechen. Für das Verständnis dieser Form der seit mehr als zwei Jahrzehnten üblichen Begräbnisrituale in Teshie müssen traditionelle animistische Vorstellungen mit einbezogen werden, wie sie sich in der Ehrung des Toten und seiner Familie durch ein mehrtätiges Trauerfest äußern. Die Auswahl des Sargmotivs gilt den Lebensgewohnheiten und der gesellschaftlichen Position des Verstorbenen. "Dieser Sarg stellt keineswegs eine Kritik am materiellen Erfolg dar, sondern dient ganz im Gegenteil dessen Verherrlichung. Der Mercedes ist zu verstehen als das höchste afrikanische Symbol für Reichtum, gesellschaftliche Stellung und Wertschätzung" (Susan Voge). Kane Kweis Skulpturen sind nicht als Objekte bloß ästhetischer Anschauung zu lesen im Sinne eines autonomen Kunstwerks. Sie stehen im Dienste eines Rituals, das, in afrikanischen Traditionen verwurzelt, zugleich Anteil hat an der interkulturell verbreiteten Statussymbolik großer Automarken. So gehört denn auch der Videokünstler Nam June Paik, ebenfalls Wanderer zwischen den kulturellen Hemisphären, zu den Förderern Kane Kweis. Als Beitrag zur zeitgenössischen afrikanischen Kunst ist Kane Kweis Schaffen erstmals in der Ausstellung "Les Magiciens de la Terre" (Paris 1989) gewürdigt worden. Kane Kweis Werk stellt Parameter westlicher Kunst in Frage. Seine Werke sind darauf angelegt, auf immer der Betrachtung entzogen zu sein, wenn in ihnen die Verstorbenen begraben werden. DT