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inactiveTopic ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 16 topic started 08.09.2001; 16:21:08
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user Kevin Wells - ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 16  blueArrow
08.09.2001; 16:21:08 (reads: 8750, responses: 0)
ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Michaela Melián

Michaela Melián

"Am 12.8.1888 hatte sich Berta Benz... aus Wut über ihren Ehemann Carl Benz in einen von ihm entwickelten Prototypen gesetzt, der bis zu diesem Zeitpunkt als nicht fahrtauglich galt. Immerhin 130 Kilometer bis nach Pforzheim hat sie mit diesem Fahrzeug zurückgelegt. Das war weltweit die erste Überlandfahrt mit einem Automobil und ihr Mann konnte es anschließend als 'Bockige Berta' auf der Münchner Weltausstellung präsentieren" (Nina Oswald).
Die Installation "Berta Benz, Konstruktion" (1998), der 1956 in München geborenen Künstlerin Michaela Melián konfrontiert mit Irritation und Verweigerung, denn die Motive, die sie zeigt, entsprechen nur in Annäherung den in der Erzählung genannten Figuren und Objekten. Meliáns Installation besteht aus Holzlatten, welche die innere Konstruktion des zentralen Motivs bilden und einer Husse aus hautfarbenem Satin, die dieses Gerüst überspannt. Immerhin läßt sich in diesem raumgreifenden, fleischfarbenen Objekt die Form eines Autos erahnen. Nicht nur formal, auch inhaltlich wird die Installation "Berta Benz" zur Konstruktion, zum Konstrukt aus disparaten Objekten und Motiven. Über der Szene schwebt eine in die Horizontale gekippte Bildtafel, die mit demselben fleischfarbenen Stoff bespannt ist wie das Holzgerüst des dysfunktionalen Automodells. Langsam rotiert der scheinbar organische Spiegel über der Szene. Auf die Wandfläche im Hintergrund ist ein nur grob differenziertes Porträt eines weiblichen Gesichtes gestempelt: vermutlich Berta Benz. Diese Phantombilder, die immer wieder in Arbeiten Meliáns auftauchen, sind nach ihren Personenbeschreibungen am polizeilichen Fahndungscomputer angefertigt. Meliáns künstlerische Produktion von Fremdkörpern und Störbildern fragt nach der eigentlichen Identität von Objekten, die sich letztlich immer als Konglomerat subjektiver Mythologien erweist. Und so spielt "Berta Benz, Konstruktion" als eine künstlerische Nacherzählung von Personen und Objekten auch mit der Ungreifbarkeit weiblicher Modelle, deren extremste kulturelle Verzerrung sich im Bild der Hysterikerin findet. Bereits 1999 hatte die Künstlerin in der Münchner Galerie Barbara Gross eine Ausstellung unter dem Titel "HysterikerIn/Automobil” gezeigt. In deren Zusammenordnung aus weiblicher Exstase und maschinalem Körper offenbart sich das Auto nicht nur als Beschleunigungs-, sondern mehr noch als Mythos-Maschine. Entsprechendes referierte auch die jüngste, reale und durch die Presse hysterisierte Koppelung zwischen Frauenkörper und Maschine, die durch den Tod der englischen Kronprinzessin Diana 1998 in einem Mercedes entstand. In den Showrooms von Autohändlern auf der ganzen Welt wurden daraufhin eine Woche lang die Automodelle dieser S-Klasse verhüllt. DE

Michaela Melian: Tomboy. Kat. Kunsthalle Baden-Baden, 1995