Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:19:50
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 18
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ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Christiane Möbus, MANPOWER

Christiane Möbus

Drei hochglanzpolierte Aluminiumobjekte mit hermetisch abweisender Lackoberfläche bewegen sich leise surrend durch den Raum, elektrisch angetrieben und lichtelektronisch gesteuert. Wie bei einer blanken Autokarosserie verhindert die spiegelnde Oberfläche den Blick in die Tiefe. Der Betrachter sieht sich selbst, im Autolack und in den seitlich angebrachten Rückspiegeln. Auto-mobil, aus sich selbst beweglich und bewegt sind diese, der menschlichen Erfindungskraft entwachsenen und ihr doch nahen Bodenskulpturen, die, augenscheinlich um ihrer selbst willen, nach nicht faßbaren Plänen die Räume durchmessen. Handwerklichkeit ist vorausgesetzt, Handschrift nicht gesucht. Dadurch knüpfen diese von Christiane Möbus (geboren 1947 in Celle) entworfenen Skulpturen an barocke Automaten an und isolieren den Zauber der Selbstbewegung genauso analytisch wie geheimnisvoll. In der blechernen Hülle sind die notwendigen Aggregate verborgen, die die Kurvenfahrten der gelb, schwarz und grau gefaßten Elemente ermöglichen und in ihrer Dauerbewegung doch nur etwas zu umkreisen scheinen, das selber unsichtbar und rätselhaft bleibt. Das Kreisen um eine unwägbare Mitte erscheint als eines der wesentlichen Paradigmen im Werk der in Berlin lehrenden Bildhauerin. Die "solipsistische Selbstbezüglichkeit" führt auf jenes Unfaßbare, das ironisch in den seitlichen Rückspiegeln in fiktiver Authentizität gebrochen erscheint. Der Spiegel dient der Selbst- wie der Rückversicherung für eine Bewegung, die in ein Nirgendwo führt. "Die Omnibusrückspiegel in MANPOWER, silent, zeigen nichts von der Welt, sondern allein den Reigen der selbstvergessenen Bewegungen der Objekte, die sich in ihren Spiegeln spiegeln" (Stephan Berg).
Möbus führt Automobilität an sich vor, also Maschinen, die einerseits auf das menschlich Machbare verweisen und andererseits eine Entwicklung andeuten, an deren Ende sich die Maschinen über das menschlich Benutzbare und Angemessene hinaus entwickelt, sich verselbständigt haben. Insofern geht es um die Möglichkeiten und Grenzen der nicht nur automobilen Freiheit, um die ganz große Fahrt in ein diesseitiges, innerweltliches Nirgendwo. Diese automobilen Einheiten brauchen keine menschlichen Benutzer mehr. DT

Eckhard Schneider: Christiane Möbus – laute und leise Stücke. Kat. Hannover 1997