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inactiveTopic ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 12 topic started 08.09.2001; 16:16:43
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user Kevin Wells - ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 12  blueArrow
08.09.2001; 16:16:43 (reads: 13024, responses: 0)
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Allan Kaprow

Allan Kaprow

In einem seiner bekanntesten Environments, dem mehrmals realsierten "Yard" (1961 New York, 1970 Köln, 1986 Dortmund) häuft der 1927 geborene Amerikaner Allan Kaprow eine Unmenge alter Autoreifen an und läßt das experimentierfreudige Kunstpublikum in diesem Ambiente mit unsicheren Schritten balancieren. Zweckentfremdet werden die Reifen zum Grund einer anderen Körper-, Form- und Materialerfahrung, wobei Kaprow eine reine Ästhetisierung ablehnt: "Abgesehen von den Verdiensten in jedem einzelnen Fall, schien sich diese Binsenweisheit jedes Mal, wenn wir einen Haufen Industrieprodukte in einer Galerie sahen oder Alltagsleben auf einer Bühne aufgeführt wurde, zu bestätigen: vor allem die Behauptung, daß sich alles ästhetisieren ließe, brächte man es nur in das richtige künstlerische Ambiente. Doch warum sollten wir alles ästhetisieren wollen? Alle Ironie wäre verloren, die provokanten Fragestellungen vergessen" (Kaprow 1983).
Damit setzt sich Kaprow vom Duchampschen Readymade ab, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem radikalen Kunstgriff die Frage nach der Begrifflichkeit und den Bedingungen von Kunst neu stellt. Auch die aus der Idee des Readymades entwickelten, späteren künstlerischen Einsätze von industriellen Materialien und Objekten, inklusive den Ansätzen der Pop Art versteht Kaprow als trivial.
Wenn Kaprow in "Household" (1964) das Autowaschen zum kollektiven Happening macht oder in "Gas" (1966) stillgelegte Schrottautos zum dreidimensionalen Bildgrund einer Malaktion werden, so hat dies vor allem politische Motive. Der "Non-Artist", als der er sich versteht, hat, im Einklang mit der allgemeinen Politisierung der Kunst in den sechziger Jahren, erzieherische (Gegen-)Funktion in einer modernen Gesellschaft, in der Massenmedien und Freizeitindustrie den stärksten Einfluß auf öffentliche Bildung haben. Kaprow versteht Kunst als soziales Instrument und definiert sie um zum "Spiel", dessen formal-ästhetische Wahrnehmung er auch in seinen Schriften zur Differenz von "Gaming and Playing" um wesentliche soziale und politische Aspekte erweitert. Die Ritualisierung alltäglicher Handlungen wird in der spielerischen Wiederholung zugleich aggressiv und kritisch. 1979 konzipiert und baut Kaprow für die "6. Kunstwoche des Ruhrpark Shopping Centers" in Bochum seinen "Tire Tower": einen ursprünglich 15 Meter hoch geplanten Turm in Form eines monumentalen Schaltknüppels aus alten Autoreifen. Daß Kaprow mit diesem in ironischer Weise phallischen, autophilen Denkmal aus verbrauchter Bereifung sowohl das banale Pathos des nahen Konsumtempels kommentiert als auch auf die Nachbarschaft des Bochumer Opel-Werkes anspielt, haben sicher nicht nur die bemerkt, die den Turm kurz nach seiner Errichtung in Brand setzten und zerstörten. DE

Allan Kaprow: Kat. Museum am Ostwall, Dortmund 1986