Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:16:05
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 13
Msg #: 255 (Erste Nachricht zum Thema)
Prev/Next: 254/256
Reads: 9190

ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>


Rachel Khedoori

Rachel Khedoori

In den Jahren 1994-97 filmte Rachel Khedoori (geboren 1964 in Sydney) ihren ehemaligen Schulweg entlang der 102nd Street in Inglewood, Kalifornien. Der zwei Stunden dauernde Film besteht aus einer Serie von langsamen und gedehnten Aufnahmen aus einem Auto heraus, das sich immer in gleicher Distanz parallel zum Bürgersteig bewegt. Das gemächlich filmische Gleiten tastet genauso unspektakulär wie präzise die Straßenseiten mit ihren Häuserfassaden ab. Es ereignet sich nichts, das den Blick irritieren oder gar stören würde.
Durch die Positionierung der Kamera im Innenraum des Autos wird der Betrachter physisch involviert, es scheint, als sei der abgefilmte Weg der seine. Doch diesen Eindruck relativiert Khedoori durch die Präsentationsform, denn wie in anderen ihrer Arbeiten arrangiert sie diesen Film in einem Raum, den sie eigens für die Filmprojektion konzipiert hat, so daß die künstlerische Arbeit aus drei Teilen besteht: dem Film, der Projektionsapparatur und dem Raum. Während der Vorführung sieht der Betrachter nicht nur die eigentliche Projektion, sondern auch die Filmspulen mit der gesamten technische Konstruktion des filmischen Apparates. Allein gelassen sieht sich der Betrachter einem komplexen System von Perspektiven, Wahrnehmungen und Wirklichkeitsebenen ausgesetzt, mit dem die Künstlerin die scheinbare Eindeutigkeit von Wahrnehmung hinterfragt und deren Bedingungen thematisiert. Wie auch Khedooris "Blue Room" von 1999 wird "102nd Street" zu einer raumfüllenden Installation, bei der das komplexe technische System mit der Vielschichtigkeit des Phänomens Erinnerung korrespondiert. Das entspannte Fahren entlang der Straße erinnert an die Zeit des Kinderwagens, an ein Wohlgefühl des Aufgehobenseins, an die Zeit, in der das Kind das sanfte Vorübergleiten der sichtbaren Welt als Wahrnehmungsform kennengelernt und eingeübt hat. Die regressiven Aspekte der Autofahrt, die durch den dunklen Raum als Metapher noch verstärkt werden, sind offensichtlich und gewollt. Doch durch den installativen Charakter verhindert Khedoori, daß sich der Betrachter selbstvergessen in der eigenen Regression verliert. Die Künstlerin zwingt ihn, sich mit Illusion und Wirklichkeit auseinanderzusetzen und sich unsentimental der Erinnerung zu nähern. UT