Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:13:12
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 07
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ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

Cordula Güdemann

Cordula Güdemann

Wurstartig verformt von kräftigen Pinselhieben (und von traumartig intensiver Phantasie) schweben die "Killerautos" (1989) der Stuttgarter Malerin Cordula Güdemann (geboren 1955) durch vage bestimmten Stadtraum. Die Szene ist menschenleer, die Fahrzeuge haben sich wahrhaft automobil gemacht. Sie bewegen sich, ohne daß jemand sie steuerte. Was menschlich wäre, scheint vielmehr in die Autos selber übergegangen zu sein, so leibhaftig wirken ihre hautfarbenen Karosseriekörper. Im Fahrzeuginneren sind an den Übergangszonen wie bei den menschlichen Körperöffnungen rote Ränder zu sehen. Vor der Kulisse abweisender Hochhausbauten erinnern die drei Autogestalten fast an Jugendliche, die, zwischen Langeweile und sexueller Potenz hin- und hergerissen, zu marodieren beginnen. Mit ihren phallisch verlängerten Nasen erinnern die "Killerautos" an die terroristischen Narren in Stanley Kubricks "Uhrwerk Orange". Wie der britische Regisseur richtet die Malerin einen phantastisch hellsichtigen, d.h. ebenso zutreffenden wie von allen theoretischen Begründungslasten und Rechtfertigungen befreiten Blick auf die Lust als Element menschlicher Gewaltbereitschaft. Güdemanns Malerei ist der immer neue Versuch, möglichst unmittelbar zu zeigen, wie es wirklich ist. Sie ist eine politische Künstlerin, ohne sich in Diskursmoden zu verheddern. Die latente Obszönität der wurstigen, überlangen Limousinen macht die aggressive, destruktive Lust offenbar, die sich im Autofahren zu befriedigen sucht, dabei von der Allgemeinen Straßenverkehrsordnung leidlich unter Kontrolle gehalten wird und zugleich den Tankstellennetzen, die dieser Lust den Stoff liefern, unglaubliche Umsätze beschert.
Der Bildraum, in dem all dies zu erkennen ist, ist eine Art Splitterraum, eine polyvalente Bühne, entzifferbar über verschiedene Lesarten. Die Schwerelosigkeit, die eines der Automobile wie einen Fisch schweben läßt, gibt dem Anblick die drückende Dichte eines Aquariums. Der kulissenartige Hintergrund fügt etwas theaterhaft Präsentatives hinzu. Das Licht in diesem Raum wirkt ebenso golden wie tranig. Die braunen Schlieren und Farbbeimengungen lassen an "Phäkalia" denken (Titel einer Bildserie Güdemanns, die ebenfalls Ende der achziger Jahre entstand). Güdemanns innerbildliche Raumkonzeption ist die der Collage, rückübersetzt in Malerei. Der disparate Alltagsraum ist für sie nicht über getreue Abbildung eines natürlichen Vorbildes darstellbar, sondern nur als eigensinniges Bild, nur Bildgesetzen gehorchend, also dem, was man sieht, wenn man wach die Augen schließt.
MW

Cordula Güdemann: Bilder aus der bewohnten Welt. Kat. Düsseldorf 1994