Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:12:24
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 08
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Richard Hamilton

Richard Hamilton

Das Portfolio "Five Tires remoulded" (1971) steht am Ende einer fast 20-jährigen Beschäftigung mit einer Werbeanzeige, die in fünf Reifenprofilen die Geschichte des Automobils nachzeichnet und für Richard Hamilton (geboren 1922 in London) zu einer Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Technik wurde. Alltägliche Präsenz der Waren und des Konsum als Wirklichkeit der Wahrnehmung beschäftigt Richard Hamilton, den führenden Kopf der Independant Group am ICA in London, die mit der Ausstellung "This is tomorrow" 1956 die englische Pop Art als Wegbereiter für eine weltweit wirksame Kunstbewegung ins Leben rief. 1963 stellt er sich selbst auf einem Auto sitzend zwischen Mercury Raumkapsel, Kühlschrank, Superstaubsauger und schöner Frau dar. Dabei geht es Hamilton sowohl um die gesellschaftskritische Analyse der Warenwelt als auch um die durch die Gegenwart gestellten Herausforderungen an die tradierten Künste. Das um seiner visuellen Präsenz zu Beginn der fünfziger Jahre diskutierte Inserat nimmt Richard Hamilton zum Anlaß, die Grenzen tradierter Kunstübung zu erproben. Um 1964 entwickelt er das Konzept, jene fünf Autoreifen idealtypisch in der seit der Renaissance geübten Zentralperspektive zu zeichnen. Dabei zielt er, ganz im Sinne des anspruchsvollen handwerklichen Ethos Marcel Duchamps, von einer hochprofessionellen, zeit- und arbeitsintensiven Wiedergabe der verschieden gestalteten und in die Gummimasse eingetieften Profile in der Fläche. Das Vorhaben, ebenso anspruchslos im Thema wie anspruchsvoll in der Realisierung, scheitert an den zeitlichen – und damit finanziellen Voraussetzungen – und dies trotz einer vergleichsweise einfachen geometrischen Struktur, die in den Illusionismus einer zentralperspektivischen Räumlichkeit überführt werden sollte. So erscheint 1964 der Siebdruck "Five Tyres abandonded". Erst um 1971 kann Hamilton mit Hilfe eines Computerprogramms die Reifen als Ringkonstruktionen berechnen lassen und entdeckt dabei neue Verfahrensweisen zur Entwicklung von Volumen auf der Fläche. Zudem gelingt es, die perspektivisch zerdehnten Profile dreidimensional ins Relief zu übersetzen. Damit skizziert Hamilton das Problem: Die Transformation einer künstlerischen Idee bezogen auf die technischen Mittel, die die jeweilige Gegenwart parat hält, wobei zeitlicher und handwerklicher Aufwand zur Realisierung erst durch Einsatz modernster Technologien in ein wirtschaftlich vertretbares Verhältnis gesetzt werden. 1971 wäre dies einmal mehr berechtigt gewesen, "This is tomorrow" genannt zu werden. DT

Thomas W. Gaethgens: Richard Hamilton. Studien 1937–1977. Kat. Bielefeld 1978