Author:   Kevin Wells  
Posted: 08.09.2001; 16:11:38
Topic: ARCHIV - ICH BIN MEIN AUTO - KÜNSTLER 04
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ICH BIN MEIN AUTO << zurückweiter >>

thomas Demand

Thomas Demand

Eine Kamera fährt in einen Tunnel, der sich im Verlauf der Straßenführung leicht absenkt. Eine klassische Autounterführung, wie jeder sie vielfach in Großstädten durchfahren hat. Auf einem leicht erhöhten Betonabsatz reihen sich wuchtige Stahlbetonpfeiler zum trennenden Mittelstreifen. In einer langgezogenen Linkskurve führt der Weg wieder hinaus. Dünne Lichtbänder auf beiden Seiten, die den Weg begleiten. Ein rollendes Geräusch, das sich allmählich verstärkt. Plötzlich ein Nichts, alles wird dunkel, das Geräusch klingt ab und verstummt. Dann setzt sich die Fahrt fort. Erst nach wiederholtem Hinsehen wird klar, daß man immer wieder in den Tunnel hineinfährt, aber nicht wieder herauskommt. "Tunnel" ist eine großformatig projizierte DVD-Endlosschleife, in die sich der zum Autofahrer gewordene Betrachter verfängt, der er regelrecht zwangsneurotisch verfällt.

Wie in allen seinen Arbeiten läßt Thomas Demand (geboren 1964 in München) den Betrachter mit minimalen Informationen zurück. Und doch, vielleicht erkennt der eine oder andere, daß es sich bei "Tunnel" um den Nachbau jenes Tunnels in Paris handelt, in dem Diana, Prinzessin von Wales, im August des Jahres 1997 bei einem nächtlichen Autounfall tödlich verunglückte. Kaum jemand ist am tatsächlichen Ort gewesen, das Wissen um diesen Ort ist vielmehr ein massenmedial transportiertes, mit dem tage- und wochenlang Sendungen und Seiten gefüllt wurden. Aber die Erinnerung ist noch da, diffus und reaktivierbar. Der zunächst nicht benannte, dann doch bekannte Kontext lädt den Ort auf, veranlaßt zu Spekulationen und Vermutungen, macht aus dem nächtlichen Tunnel einen Schauplatz, an dem sich Alltagsmythos und Tod treffen.

Die künstlerische Strategie Demands ist bei diesem Video derjenigen seiner fotografischen Arbeiten vergleichbar. Ein Raum, ein Interieur oder eine architektonische Situation werden detailgenau in Pappe und Papier nachgebaut, dann fotografisch dokumentiert und verarbeitet, oder wie in der vorliegenden Arbeit, gefilmt. Durch die nüchterne künstliche Rekonstruktion geschieht Erstaunliches, der Ort wird zur reinen Konstruktion und, da völlig unbesetzt, zu einem seltsamen Nicht-Ort. Auf seine ursprüngliche bloße Form und Leere zurückgeführt, werden alle an ihn gestellten Erwartungen enttäuscht. Mit seinen sterilen Nachbauten führt Demand vor, daß ein Ort mehr ist als sein Erscheinungsbild. Denn die nächtliche Autofahrt und ihr dramatischer Höhepunkt, der Aufprall, das Entsetzen und der Schmerz, sind unsichtbar. Alles spielt sich ausschließlich im Kopf des Betrachters ab. Erst hier verknüpfen sich die verschiedenen Sinnebenen und Bedeutungspotentiale. Demands Arbeiten sind materialisiertes Nachdenken über Wahrnehmungsmuster, Wirklichkeit und Mythenbildung. Durch die suggestive Kraft des Tunnels sowie durch das kurze Ausblenden alles Sichtbaren gelingt dem Künstler die Inszenierung eines sich in Sekundenbruchteilen ereignenden tödlichen Autounfalls. UT

Thomas Demand. Kat. Fondation Cartier, Paris 2000