Author:   Kevin Wells  
Posted: 21.03.2001; 16:32:39
Topic: ARCHIV THEMEN 01 BIG NOTHING
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BIG NOTHING << zurück01020304weiter >>

Kasimir Malewitsch
Rotes Quadrat auf schwarzem Grund, 1918/19
Öl auf Leinwand, 48 x 33 cm
Privatbesitz
Courtesy Galerie Reckermann, Köln


NICHTS: DIE STRATEGIEN DER KÜNSTLER
Im 20. Jahrhundert lassen sich vielfältige Strategien der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Nichts beobachten. Während einige Avantgardisten, etwa Kasimir Malewitsch, nach dem Ende der herkömmlichen Gegenstandsabbildung einen radikalen Neuanfang, eine Schöpfung aus dem Nichts, postulieren, versuchen andere über die Bereinigung der sichtbaren Welt von allem Oberflächlich-Konkreten zu einer neuen Ordnung des Bildraums zu gelangen. Piet Mondrian etwa sah seine künstlerische Programmatik im Einklang mit allgemeinen Tendenzen: "Das Leben des heutigen Kulturmenschen wendet sich mehr und mehr vom Natürlichen ab; es wird immer mehr abstraktes Leben" (1917). Als Abgrund, Loch oder Sog wird die Leere im Surrealismus wiederum psychologisiert, sexualisiert und in der Folge motivisch vielfach variiert

Die zweite Avantgarde verliert nach der historischen Erfahrung hochtechnisierter Massenvernichtung im Zweiten Weltkrieg jegliches Vertrauen auf Jenseitsprojektionen oder jenseits der innerweltlichen Existenz angesiedelte Utopien. Damit wird auch der Kunst die Möglichkeit genommen, über sich hinaus auf ein Göttliches zu verweisen. Den traditionellen Träger der Bedeutungsillusion, die Leinwand selber, attackiert nun Lucio Fontana mit gezielten Schnitten, Gustav Metzger zerstört ihn mit säuregetränkten Pinseln. In der Abwendung von elitären, "höheren" Begründungen für künstlerisches Arbeiten entdecken die Künstler der Pop Art den Alltag als ihr Thema und setzen hintersinnig die Leerstellen, Nichtigkeiten und Abgründe des banalen Lebens ins Bild.