Author:   Kevin Wells  
Posted: 21.03.2001; 16:23:22
Topic: ARCHIV KÜNSTLER 02 BIG NOTHING
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BIG NOTHING << zurückweiter >>
Anna und Bernhard Johannes Blume

Anna Blume ist 1937 in Bork/Westfalen geboren, Bernhard Johannes Blume ist 1937 in Dortmund geboren, beide leben und arbeiten in Köln und Hamburg

»Ja, ich bin in der Werbung (...) großgeworden. Da war das Auratische längst in der Reklame verwurstet – ATA, IMI und OMO mit den Strahlen, die sonst der Dreieinigkeit galten.« Wie Heilssymbole, begleitet von quasi-religiösen Versprechungen (man denke an den »segensreichen Löffel« von Sanostol), wurden Produktnamen in den 50er Jahren angepriesen. Bernhard J. Blume greift die Werbeästhetik einschließlich der damals beliebten Fraktur-schrift auf. Er tut dies aber nicht im Sinne der Pop-Art. Mit Marx im Sinn entlarvt er triviale Bildstrategien als »Religion der Warenzirkulation«. Zudem verweist die Übertragung sakraler Heilsbotschaften in die Alltagswelt aber auf ein grundlegendes Problem, das Werbung und Religion teilen: die Darstellbarkeit von Ideen und Vorstellungen, besonders von »Gott«.
Der Suppenteller ist leer. In die prägnante Form der Logos bzw. Devotionalien gebracht, wird uns »Gott« als göttlich-geistige Speise präsentiert. 'Er' erscheint als »symbolische Leerformel«. Wie in einer Reihe anderer Arbeiten von Anna und Bernhard Blume streift die Konfrontation von Heiligem und Banalem, von Gebrauchsgeschirr und göttlicher Inspiration den Kitsch, auch das Milieu der kleinbürgerlichen Kirche, mit der B. J. Blume als Meßdiener aufgewachsen ist. Der Verlust ist dabei ebenso Thema wie das Dilemma der Kunst, die alle religiösen Bilderstürme zwar überstanden hat, in ihren Versuchen der Verbildlichung des Göttlichen allerdings nach wie vor scheitern muß.
Die Darstellung schwankt zwischen ästhetischer Beschwörung und Demontage. Blume ent-auratisiert und ent-täuscht. Zugleich aber zeigt er das fortwährende Bedürfnis nach metaphysischer Vergewisserung. Bei aller parodistischen Distanzierung von der Religion wie von jenen »Künstlerpriestern« der Avantgarde, die in der abstrakten Form den Kosmos zu umschließen meinten, ist das »Faszinosum« immer noch da. In seinem Statement »Gott o Gott« entwirft Blume den Künstler »nochmal« als Zelebranten einer romantisch entgrenzten Liturgie: Es »soll in jedem Satz und jedem Bild / noch einmal Gott in einer Subjekt-Objekt-Kernverschmelzung glühen / dann sollen die Teller, Tassen, Vasen und Tabernakelbretter / nochmal als heilige Geräte dienen / (...) und soll der Küchentisch mein täglicher Altar sein / auf dem der Immerwiederneuauferstandene / erneut gegessen wird //«;.
In der Fotografie »Magischer Subjektivismus« erfährt Blume als Eingeweihter oder Medium Erleuchtung. Hand und Kopf – traditionelle Fokuspunkte des Künstlerporträts – berühren eine lichte Erscheinung, die den (genialen) Künstler in die Aura des Göttlichen rückt. Genau an der Stelle aber, an der das Licht am hellsten leuchtet, bleibt das Fotopapier faktisch unbelichtet: Der formale Bruch deutet auf das Transzendente als der mutmaßlichen Quelle künstlerischer Inspiration, die sich aber ironischerweise der Darstellung entzieht.