Author:   Kevin Wells  
Posted: 21.03.2001; 11:40:16
Topic: AUSSTELLUNGEN - AUSBLICK-02
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AUSSTELLUNGEN AUSBLICK_01AUSBLICK_02

ICH BIN MEIN AUTO
Der Traum vom rasenden Körper in der zeitgenössischen Kunst

30. JUNI – 29. AUGUST 2001

Eröffnung: 29. Juni, 19 Uhr
Pressekonferenz: 29. Juni, 11 Uhr

Die Ausstellung Ich bin mein Auto stellt die Frage nach der Identifikation des Menschen mit der von ihm geschaffenen Technik. Das Automobil, unsere meistgeliebte und –kritisierte Alltagsmaschine, ist keineswegs nur ein technologischer, es ist auch ein mythologischer Gegenstand. Die Geschichte des Autos wird von intensiven individuellen und kollektiven Gefühlen begleitet, die nicht von Rationalität und Pragmatismus, sondern von menschlicher Identifikation mit der rasenden Maschine bestimmt sind.

Seitdem es das Automobil als Fortbewegungstechnik gibt, haben die Künstler es gegen die Immobilie der Kunst, das Museum, in Stellung gebracht. Den Futuristen war der rasende Motorenkörper, der „Haifisch“ (Marinetti), metaphorisches Vehikel ihrer bilderstürmerischen Verabschiedung aller alten Kultur: „(...) ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake“ (Manifest des Futurismus, 1909). Der Haifisch, das verborgene «Gesicht» der Autokarosserie, spielt noch 1985/86 bei Richard Prince auf die wilden, animalischen Fantasien unserer Autofaszination an.

Der Surrealismus interessierte sich für die erotisierte, leibähnliche Körperhaftigkeit des kraftvoll selbstbewegten Fahrzeuges – ein Impuls, der noch in den 50er Jahren nachwirkte: „Das Auto (...) ist gewiss merkwürdig: ein vollkommen mechanischer Organismus, der Augen hat, einen Mund, ein Herz und Eingeweide; er isst, er trinkt und arbeitet so lange, bis er zusammenbricht – was für eine absonderliche Parodie auf ein lebendes Wesen“ (A. Giacometti).

In der jüngeren Kunst analysierte Rita McBride den car body (amerik. für Karosserie) bis auf sein knochenartiges Gerüst. Als traumartig animierte, vom Boden losgelöste Leiber schweben Cordula Güdemanns „Killerautos“ (1989) durch schemenhaften Stadtraum. Tragisch vereint sind Mensch und Maschine im Autounfall, den Tamara Grcic in ihrer Installation „Autoteile und Decken“ (2000/01) indirekt thematisiert. Christiane Möbus stellt mit ihren selbstfahrenden, zylindrischen Raumkörpern Automobilität an sich als befremdlichen Automatenzauber dar. Den Motor, der mit „kontrollierter Explosion und Kraftstoffzufuhr (...) völlig eigenständig leben kann“, sieht Jason Rhoades als „Metapher für Schaffenskraft“.

Ein weiteres Grundthema der automobilisierten Welt, das schon Malerei und Collage in den 20er Jahren (zum Beispiel Hannah Höch und Oskar Nerlinger) beschäftigte, ist die Beschleunigung und Zersplitterung der Wahrnehmung etwa einer Landschaft bei schneller Autofahrt. Die als schwarz-weiße Verwischungen festgehaltene Geschwindigkeit der „Zwei Fiat“ von Gerhard Richter (1964) bringt uns nur die relative Langsamkeit unserer eigenen Wahrnehmungsfähigkeit vor Augen.

Dass das individuelle Automobil als soziales Zeichen genauso eng zu seiner Fahrerin oder zu seinem Fahrer gehört wie ihre oder seine Kleidung, zeigen die Fotografien von Andrew Bush. Der Mensch benutzt sein Auto auch als fahrende Visitenkarte.

Ich bin mein Auto - Teil II der Trilogie:

Wer bin ich? Die Selbstbefragung des Menschen ist ein altes und gleichwohl sehr aktuelles Thema, das nicht nur theoretisch erörtert, sondern auch von jeher in künstlerische Bilder gefasst wurde. Wenn wir uns unserer selbst genauer versichern wollen, dann wenden wir uns traditionellerweise Themen oder Gegenständen zu, die einerseits dem eigenen Menschlichen ähnlich sind, andererseits verschieden genug, um uns als Gegenüber zu dienen. Das Menschliche spiegelt sich in seinen metaphysischen, maschinalen oder animalischen Nachbarfeldern. Die Bildende Kunst hat sich mit allen drei Gegenständen immer wieder befasst: d.h. der gottnahen oder -fernen Metaphysik (Big Nothing), der Technologie am Beispiel des Autos und dem Tier. Von diesen fremden Ebenbildern handelt die Trilogie Du sollst Dir ein Bild machen.



Zeitgleich zur Ausstellung und in Kooperation mit der Kunsthalle wird am 18./19. August 2001 das „26. Internationale Oldtimer-Meeting Baden-Baden“ stattfinden.

Das Kino im Park vor der Kunsthalle zeigt im Juli eine Filmreihe zur Ausstellung (Vorführungen am 30.6. –1.7., 13.7. –15.7. und 20.7. –22.7., jeweils 21.30).

Ich bin mein Auto im Südwestrundfunk

Donnerstag, 28. Juni 2001, 19.00
CADILLAC UND SCHNEEWITTCHENSARG
DER SWR2 DSCHUNGEL ZU GAST IN DER STAATLICHEN KUNSTHALLE BADEN-BADEN

Eine Radiosendung von und mit Frank Laufenberg
Publikumsveranstaltung, Eintritt frei

Das Automobil, unsere meistgeliebte und – kritisierte Alltagsmaschine, ist keineswegs nur ein technologischer, sondern auch ein mythologischer Gegenstand. Die Geschichte des Automobils wird von intensiven individuellen und kollektiven Gefühlen begleitet, die nicht von technischer Rationalität, sondern von menschlicher Identifikation mit der rasenden Maschine bestimmt sind. Frank Laufenberg, legendärer Radio- und Fernsehmoderator und renommierter Fachjournalist, veranstaltet eine Fahrt durch die Popmusik. Nicht erst seit Chuck Berry haben Rockstars, Countrysänger und Popidole das Automobil als Vehikel fürs Verliebtsein, als Symbol von Freiheitssehnsucht, großem Abenteuer und purer Lebenslust besungen. Neben interessanten Raritäten wird man viele berühmte Songs nach der Sendung mit anderen Ohren hören, wenn man ihren automobilen Drive kennen gelernt hat.

Gemeinsam mit dem Südwestrundfunk / Redaktion Kulturelles Wort Aula veranstaltete die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden am 28. April 2001 ein vorbereitendes Symposium zur Ausstellung. Einige der dort aufgezeichneten Vorträge werden ab Juli sonntags zwischen 8.30 und 9.00 Uhr in SWR 2 gesendet:

22. Juli 2001: Prof. Dr. Jörg Berns, Universität Marburg
Himmelfahrten - Mutmaßungen zu Herkunft und Heimkehr des Automobils

29. Juli 2001: Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Universität Freiburg
Ich fahre, also bin ich. Ein dingpsychologisches Pamphlet

05. August 2001: Prof. Dr. Jochen Hörisch, Mannheim
Schwindel und Geschwindigkeit. Dromologie als Viktimologie